Ich glaube mich noch genau zu erinnern, wie bestürzt ich war, als man mir sagte, daß etwas Stärkeres im Unsichtbaren existieren sollte, ein stärkerer Herr als mein Vater es war, eine stärkere Macht als meine beiden Eltern mir waren. Wie frei war es vorher um mich im Hause gewesen, ehe diese Erklärung der Elternohnmacht über mich kam! Und wie seltsam wurde es mir bei dem Gedanken, daß, wenn ich einmal groß sein würde, vom Vater fortkäme und meine eigene Frau haben würde, ein Gottherr, der schon über meinen Vater regiert hatte, immer noch da wäre, auch wenn meine Eltern tot wären, und daß er ewig wie ein Aufpasser über mir und meiner Frau sitzen sollte, ebenso wie über allen Menschen.
Ich empfand das demütigend. Das Erhabenste in mir fühlte sich gedemütigt; das Erhabenste in mir wollte allein regieren. Das Erhabenste dünkte sich nicht erhaben zu sein, wenn man ihm nicht vertraute, daß es unantastbar wäre. Es fühlte sich beleidigt und erniedrigt, einen Aufpasser über sich haben zu müssen. Es war mir, als dürfte ich mich keinen freien unendlichen Gefühlen mehr hingeben, da meine Unendlichkeit nicht anerkannt wurde, da immer nur von meiner „niedrigen“ Endlichkeit gesprochen wurde.
Es war mir wirklich unbequem beim Abend-, Morgen- und Mittagsgebet mit der Bitte um tägliches Brot immer zu einem Herrn, der an einem aller Vorstellung entrückten Ort wohnen sollte, aufzuschauen; einen Fremden aufsuchen zu müssen, ich, der ich so voller Vertrauen geglaubt hatte, was ich nötig habe, schenke mir mein Vater, und dafür schenke ich ihm meine Liebe und werde leben, wie er es wünscht und werde später mir selber helfen können.
Für das Brot, für den Rock, für die Wohnung, für Gesundheit und Wohlergehen, für die meine Eltern sorgten, dankte ich bereits meinen Eltern. Nun sollte ich jeden Abend noch einmal danken und ebenso morgens und mittags, einem Herrn, von dem man sagte, daß er alles, was ich von meinen Eltern erhielt, diesen gegeben hatte. Diese waren also Schwächlinge und konnten sich nicht helfen, so dachte das Kind für sich.
Meinen Eltern zu danken, erschien mir selbstverständlich, und ich tat es gern. Aber wenn meine Eltern von einem fremden Herrn und Schöpfer etwas angenommen hatten, so hatten sie bereits gedankt. Die ganze Beterei war mir zu viel Dankerei und zu viel Bitten und Bettelei.
Warum schaffte mein Vater nicht alles selbst an, was er brauchte? Warum mußte er immer alles von einem Gottherrn annehmen, und ebenso meine Mutter, da doch beide arbeiteten? Und warum zeigte der fremde Herr sich mir nicht? Es war mir unverständlich, was seine ewige Unsichtbarkeit für einen Sinn haben sollte.
Es hieß, er könne mich fortwährend sehen, nur ich könne ihn nicht sehen. Ich gewöhnte mir danach an, mich blitzschnell im Zimmer umzusehen, um zu erfahren, ob jener Herr nicht hinter mir stünde und ich ihn ertappen könnte.
Und als meine Mutter, wie ich fünf Jahre alt war, starb und man mir sagte, sie wäre jetzt zu dem fremden Herrn gegangen und sie hätte es dort viel schöner, da konnte ich das gar nicht fassen. Was tat sie denn bei ihm, da doch mein Vater und ich sie so nötig hatten?
Und als man mir antwortete: nichts ist beständig, nichts ist wirklich, da hatte ich oft das Gefühl: vielleicht ist das Nebenzimmer schon verschwunden, während ich mich im anderen Zimmer befinde. Und ich sah vorsichtig durchs Schlüsselloch, ob das Nebenzimmer noch da wäre. Denn das verstand ich: seit meine Mutter verschwunden war und weder zum Frühling noch zum Sommer, noch zum Herbst, noch zum Winter wiederkehrte und ihr Bett leer blieb am Morgen und am Abend, und ihr Platz am Eßtisch leer blieb am Mittag und Abend, und ihr Platz am Nähtisch am Nachmittag, und ihr Platz am Klavier leer blieb in der Dämmerstunde, und ihr Platz in der Küche leer war am Herd und im Flur am Wäscheschrank und im Sommer unter dem großen Nußbaum und auf der Gartenterrasse, — da sah ich ein, es hatte sich etwas Unfaßbares ereignet.