Und ich dachte: jener unsichtbare Herr ist doch mächtiger als mein Vater. Sonst hätte mein Vater meine Mutter von ihm zurückgefordert, und es würden ihre Plätze nicht alle leer geblieben sein. Und diesem Herrn, der die Mutter mir und die Frau meinem Vater genommen hatte, dem sollte ich morgens, mittags und abends weiter danken! Das war die reine Heuchelei, die man mich da lehrte.

Es steckte danach eine tiefe Furcht in mir vor dem unsichtbaren Ort, an dem jener fremde Herr wohnen sollte und Furcht vor dem Unsichtbaren selbst. War es wirklich so schön dort bei ihm, wie es alle sagten? Ja, warum blieben wir denn dann alle hier? Warum folgten wir denn nicht sofort meiner Mutter nach?

Und wie konnte man sagen, daß sie es jetzt schöner habe, wenn sie meinen Vater nicht hatte und uns Kinder, die sie liebte? Konnte sie es dann wirklich bei dem Fremden schöner haben und glücklich sein? Meine Mutter war für mich bei diesen Gedanken auf einmal nicht mehr meine Mutter, sondern eine kühle, fremde Dame, die dort hingegangen war, wo man sich besser unterhielt, und die wahrscheinlich meinen Vater und uns Kinder über besserer Unterhaltung vergessen hatte.

Aber das glaubte ich nicht. Ich stampfte auf und weinte zornig und warf mich schreiend auf den Zimmerboden und wollte zu meiner Mutter gebracht werden. Und als mein Vater gerufen wurde und er mich aufhob und mich auf seinen Schoß nahm und mir mit Tränen in den Augen versicherte: „Deine Mutter hat uns nicht vergessen,“ da stieß ich unter Schluchzen hervor: „Warum holst du sie denn nicht endlich?“ Und mein großer starker Vater mußte wimmernd zugeben, daß es einen Stärkeren und Größeren gäbe als ihn, der die, die er einmal zu sich gerufen habe, nicht mehr hergeben wollte.

Für einen Augenblick sank da die Hochachtung für meinen Vater in meiner Kinderbrust von tausend auf null Grad. Eigentlich wollte ich meinem Vater nun nicht mehr gehorchen. Der Unsichtbare war stärker als er, und meine Mutter war bei dem Stärkeren. Ich wollte mich nur an den Unsichtbaren halten, weil auch meine Mutter zu ihm hielt.

Aber nun geschah das noch viel Unverständlichere, etwas, das mich ganz verwirrte, das alle meine Begriffe auf den Kopf stellte: mein Vater, der doch jenen Unsichtbaren, der ihm die Frau genommen hatte, hätte hassen müssen, wie ich folgerte — er faltete meine kleinen Hände in seinen großen Händen und sagte: „Laß uns zusammen zum Herrn beten. Dann kommen wir der Mutter näher.“

Ich ließ ihn beten und ließ ihn meine Hände falten und sah ihm mit offenem Munde zu, wie er sich demütig gegen jenen unsichtbaren, gewalttätigen Herrn benahm. Und wenn ich damals schon gewußt hätte, was Narren und ein Narrenhaus sind, so würde ich vielleicht gedacht haben: wir sind vor jenem Herrn alle zu Narren geworden. Und unser Haus, in welchem früher mein Vater und meine Mutter emsig und klug gewaltet hatten, das ist jetzt ein Narrenhaus geworden. —

Aber wie einfach, glückselig und menschenwürdig wäre mir die Welt erschienen, wenn man dem Kind, auf die Frage, woher alles kommt — die jedes Kind einmal an seine Eltern stellt — die tiefnatürliche Erklärung gegeben hätte: „Liebes Kind, alles ist seit Ewigkeit da. Nicht bloß wir sind deine Eltern, alle Dinge sind deine Eltern, so lange du klein und unbeholfen bist. Achte gut auf alle Dinge. Alle haben dir etwas zu sagen, alle können dir irgendwie helfen. Wir, die du deinen Vater und deine Mutter jetzt nennst, wir, wenn wir scheinbar von dir fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir bleiben doch in allen Dingen, die du siehst, um dich.

Wir Menschen alle und alles Leben können die Gestalten verändern, wenn wir es müde sind, Menschen, Tiere oder Pflanzen gewesen zu sein. Aber wir gehen niemals fort, niemals ganz fort von dir, von der Welt. Vielleicht wird deine Mutter eine Wolke, vielleicht wird dein Vater ein Blitz, vielleicht werden wir Singvögel, vielleicht werden wir zusammen eine Blume in einem Blumentopf an deinem Fenster. Vielleicht werden wir ein paar Mondstrahlen, vielleicht ein paar Sonnenstrahlen. Vielleicht sind wir ein Stück Brot, das du ißt, vielleicht ein Schluck Wasser, den du trinkst, vielleicht eine Uhr, die neben dir tickt, vielleicht ein Haus und ein Garten, in dem du wohnen wirst.