Denn sieh, es wird nichts um dich geben, was wir nicht werden können, und es gibt nichts um dich, was nicht so innig, so gut und lieb Freund zu dir sein kann, wie wir es jetzt zu dir sind, während wir am Tisch und am Bett bei dir sitzen.
Und du kannst überall zu uns kommen und nah bei uns sein. Denn, sieh, du bist so gut wie wir in und bei allen Dingen zu Hause und sollst dich darum vor keinem Leben fürchten. Und kommt eine giftige Schlange in den Garten, und sie beißt dich, und du willst nicht sterben, du willst noch Mensch bleiben, dann wird die Schlange keine Macht über dich haben, und jemand wird dir von dem Gifte helfen können, vielleicht dein Vater, vielleicht ein Freund, vielleicht du selbst.
Bist du aber wirklich der Menschengestalt müde, vielleicht durch eine tiefe Trauer, vielleicht durch ein so tiefes Unglück, daß du dein Unglück in anderer Gestalt vergessen möchtest oder durch das Alter deiner Gestalt müde gemacht, dann wirst du von selbst die Gestalt ablegen können, ohne dir Gewalt antun zu müssen. Und dann werden alle Dinge ringsum dir wieder helfen, eine neue Gestalt anzunehmen, die dir gut behagt. Aber ein Kind, wie du, wird noch kaum den Wunsch bekommen können, die Gestalt schon zu wechseln. Denn sieh, so wie alle mit dir festlich sein wollen, so wirst du auch erst in Menschengestalt festlich gewesen sein wollen, ehe du dich danach sehnen willst, zu verschwinden und neu zu erscheinen.
Deine Menschengestalt haben du und wir alle mit Fleiß und Sorgfalt aufgebaut. Das Licht hat deine Augen ausgedacht, der Schall, die Musik und die Menschenstimmen und alle Stimmen überhaupt haben deine Ohren ausgedacht. Und es ist kein Ding in der Welt, das nicht teil hat, irgend etwas an deinem Leibe ausgedacht zu haben.
Wir, dein Vater und deine Mutter, wir legten unser Fleisch und Blut zusammen und die Wollust unseres Atems und unsere Freude am Leben. Und ich, dein Vater, gab dir von meinem Mark, von meiner Lebenskraft, und deine Mutter gab dir von ihrer Lebensdemut und ihrer Lebenswärme.
Und als du fertiggebildet warst im Schoße deiner Mutter, da hatte dich deine Mutter neun Monate unter ihrem Herzen getragen. Neun Monate litt sie Beschwerden und neun Monate wünschte sie Tag und Nacht, daß du gut, stark und tätig werden solltest, so wie sie selbst es ist, und dein Vater und deine Brüder und deine Schwestern und alle Dinge, die um dich leben, es sind.
Denn, wenn auch einmal ein Ding dir weh zu tun scheint und dir Trauer oder Schmerz bereiten muß, so mußt du bedenken, daß du auch manchen Dingen weh tun mußt und manchen Trauer bereiten mußt, denn das Leben besteht nicht aus Freude allein, aber auch nicht aus Schmerzen allein.
Das Leben besteht aus dem Wechsel von Freude und Leid, aus Lachen und Weinen, aus Erhebung und Erniedrigung. Und nur durch diesen Wechsel kann es festlich bestehen.
Aber es ist noch eine andere Welt in der Welt, mein Kind. Alle Dinge, zu denen du mit den Händen und Füßen, mit den Augen und Ohren, mit deiner Menschengestalt kommen kannst, alle diese, denen du so dich nähern kannst auf der Erde, sie und du selbst leben noch in einer andern Welt, in einer weltfernen Welt. Und du und wir alle schicken unsere Gestalt auf die Erde, so wie du deine Stimme über den Fluß hinüberschicken kannst, so wie du einen Brief in die Ferne schicken kannst, oder so wie dein Schatten vor dir eilen kann oder so wie der Schatten einer Wolke, die oben am Himmel steht, unten über die Äcker der Erde gehen kann.
Oder wie das Licht der Sonne und des Mondes durch das Zimmer gehen kann, ohne daß die Sonnenkugel oder die Mondkugel selbst durch die Tür in das Zimmer kommen. Oder wie du eine Blume, die stark duftet, im Dunkel riechen kannst und sie also bemerken kannst, ohne sie zu sehen, so leben wir alle in zwei Welten zugleich.