Dort in der weltfernen inneren Welt, dort wohnt die Kraft aller Dinge. Dort wohnt alle unsere Kraft zusammen. Dort gibt es dann nicht Vater, nicht Mutter, nicht Kinder. Dort sind wir dann eine Stärke. Dort sind tausend Männer wie ein Mann, tausend Frauen wie eine Frau, und dort sind Mann und Frau so eng umarmt, daß sie eine Kraft sind, ohne Anfang und ohne Ende, eine starke Schöpfer- und Liebeskraft. Und dort in der Weltferne sind wir in jedem Augenblick, wenn wir uns in uns versenken, wenn wir uns in hohen Gefühlen erheben und erhaben fühlen.

Dieses aber, mein Kind, zu verstehen und zu erfassen, dazu bist du noch zu klein und mußt erst in die Welt der nahen Dinge hineinwachsen, in die Weltnähe. Und bis dahin sollst du bei Vater und Mutter bleiben, bis deine Menschengestalt so kräftig fertig geworden ist, daß du den Weg zu deiner inneren und weltfernen Welt allein finden kannst.

Aber ganz allein brauchst du dann auch diesen Weg nicht zu gehen. Irgendwo auf der Welt ist heute schon oder wird eine Lebensgefährtin jenes Weges zur inneren Welt für dich von ihren Eltern geboren und auferzogen.

Ihr wirst du, wenn du willst, begegnen, sobald du groß genug bist und du tätig genug bist, um sie von ihren Eltern empfangen zu können, und wenn du weise und kräftig genug bist, um deinen Ernst mit ihrem Ernst und deine Lebensfreude mit ihrer Lebensfreude und dein Lebensmark mit ihrer Lebenswärme zusammenlegen zu können. Dann wirst du mit ihr das Lebensfest feiern und mit ihr ein Menschenkind erschaffen, wie wir dich geschaffen haben, damit das Fest sich fortsetzt.“ —

Hätte man mir als Kind, aus einer befreiten Weltanschauung heraus, auf meine Frage, woher das Leben kommt, woher die Dinge und die Menschen kommen und gehen, natürlich und mich zum Leben vorbereitend, also geantwortet, dann wären mir schreckliche Stunden der Qual, schauerliche Mißklänge, unheimliche Dumpfheiten und dornige Verirrungswege erspart geblieben.

Und hätte man noch betont: Das Leben ist ein weises Fest. Du sollst es klug zu feiern lernen, du sollst es aufmerksam festlich erleben lernen; du wirst an dem Fest beschaulich und tätig, Freude aufnehmend und Freude spendend, gern teilnehmen; du wirst verstehen lernen, daß das Weltfest so mächtig ist, daß es in seinem Wechsel von Freude und Leid ein Spiel von Erscheinungen bedeutet, und daß es deine größten Schmerzen immer in tiefste Freuden verwandeln kann.

Siehe, oft ist das Leben wie eine Schlacht, in der du fallen mußt, um in einer anderen Gestalt wieder aufspringen zu können, um weiterkämpfen zu können. Denn auch eine Schlacht ist ein Fest!

Festlich ist das Leben immer, ob du gehen lernen darfst oder schreiben und lesen lernen sollst. Und wenn du krank liegen mußt, zwischen Schmerzen und Genesungshoffnung, in den Nächten wach liegen mußt, mache dich geduldig, mache dich demütig. Hasse deine Schmerzen nicht. Lerne sie verstehen, denn sie wollen wie die Freuden dir helfen zu einer Verjüngung deines Körpers, helfen zu einer Verjüngung deiner Schöpferkraft.

Sei darum gütig zu deinem Leib, wenn er dich auch plagt, weil er dich verjüngen will. Sei verständig und gehorsam seinen Mahnungen zur Verjüngung. Dann wird dir auch die Krankheit zum Fest, verklärt von der Hoffnung der Verjüngung und Genesung.

Horche immer auf alle Lebensregungen um dich. Denn die Kräfte aller Leben sind in dir. Du kannst alle Leben verstehen, wenn du willst, und alle Leben verstehen dich.