Nun geh, mein Kind, lerne zuerst die Regeln und die Festregeln. Denn jeder Gestalt auf Erden sind andere Festregeln geboten, damit das ganze Weltspiel ein Fest bleibe und kein Chaos werde.

Lerne die Regeln des äußeren Lebens, das sind die Staats- und Gesellschaftsgesetze deiner Zeit, kennen, und die Ahnungen der Regeln des inneren Lebens werden bereits in dir dämmern, bis du erwachsen bist und dich dann in die Gesetze des inneren Liebeslebens vertiefen kannst und Überblick erhältst über das große herrliche Fest, das wir alle im Weltall feiern, in dem wir alle zusammen Schöpfer und Geschöpfe bedeuten, und neue Gesetze und Wandel schaffen, wenn wir reif geworden sind. —


Einem Kind, dem also von der ersten Frage an bis zum Verlassen des Elternhauses verkündet wird, daß es unwirkliche und wirkliche Kräfte besitzt, daß sein Wesen das Wesen aller Dinge ist, daß es festlich an der Seite der Eltern das Fest der Tätigkeit, das Fest des Wachsens zu allen Dingen hin erleben wird, dem man sagt, auch wenn Vater und Mutter sterben, sind sie in aller Gestalt immer da, sie sind nicht zu einem fremden Mann gegangen, nicht in ein fremdes unfaßbares Reich eingegangen, wo es schöner ist, und haben nicht ihr Kind in einer häßlicheren Welt zurückgelassen, sie sind immer dagewesen und werden immer da sein in des Kindes eigener Schöpferkraft und in der Kraft seiner Lebensgespielen um ihn — für dieses Kind, dem das Leben als ein ewiges weises Fest erklärt wurde, gibt es keinen Tod, für dieses Kind gibt es keine Zeit und kein Alter; für dieses Kind gibt es keine Häßlichkeit ohne Schönheit.

Für dieses Kind gibt es keinen Schmerz ohne Freude. Im Gleichgewicht seiner wirklichen und unwirklichen Welten und im Bewußtsein seiner unerschöpflichen Schöpferkraft und in der Erkenntnis seines ewigen Daseins, im Wissen, daß es vor tausend Jahren war, schöpferisch wie heute, festlich wie heute, und daß es in Tausenden von Jahren immer noch sein wird, festlich wie heute, wird es, wenn es dies alles täglich gehört hat, geduldig, demütig und lächelnd, stolz, frisch und fröhlich, mutig und todesverachtend und weltallfestlich aufs Leben und auf die Liebe sehen.

Die Naturunschuld, die Naturweisheit und die Naturlust werden in ihm bis an sein Lebensende ungebrochen bleiben und werden seine Menschengestalt festlich auf Erden führen und aus ihm festlich wirken.

Welch ein unerschöpflicher, unentdeckter und noch unangetasteter Reichtum dem Menschenleben dargeboten wird, wenn es sich nicht mehr von einem sogenannten höheren Wesen unterjocht fühlen wird und von keiner Erbsünde belastet, wenn es seine Kraft frei auf sein Ich, auf das Wohl der mit ihm Lebenden richtet — das zu ermessen, bleibt jedem Herzen gegeben, das sich aufmacht und sich als Schöpfer und Geschöpf fühlen will und das Leben als eine Festlichkeit ansehen will, — eine Feier von wirklicher und unwirklicher Welt, eine Feier der Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, ein unerschöpfliches Fest, bei dem jeder zugleich Festgeber und Gast ist, jeder in anderer Gestalt, jeder mit anderen Tätigkeiten und Genußfähigkeiten, jeder in anderen Würden und anderen Wirkungskreisen, jeder den anderen feiernd und ihn als Kraft von seiner Kraft anerkennend, Menschen, Tier, Pflanzen und alle Dinge.

Der Schauspieler, der bei der Festvorstellung des Lebens den König spielt, und der andere Schauspieler, der bei derselben Festvorstellung den Bettler machen muß, und der, der den Gesunden und der, der den Kranken darstellen muß, und der, der den Witzigen und der, der den Dummen spielen soll — die sollen verstehen, daß hinter jeder Rolle ihre Schöpferkraft steht, die sich in der nächsten Festvorstellung sofort in eine andere Gestalt verwandeln kann. Sie werden verstehen, daß sie nur als augenblickliches Geschöpf die Rolle im Feste spielen. Und daß sie dem Fest gerecht werden sollen und keine Spiel- und Festverderber werden sollen, das fordern alle Leben auf Erden von ihnen. Das fordert, wenn sie sich ehrlich fragen, ihr eigener Schöpfertrieb. Und nichts anderes haben sie auf der Erde zu erfüllen, als festlich tätig zu sein, um festlich feiern zu können.

Wo und wie soll ich anfangen, so festlich zu werden? — Wenn mich das ein Erwachsener fragen würde, einer, dem man nicht als Kind vom Lebensfest erzählt hätte, so würde ich ihm sagen: „Du brauchst nicht erst anzufangen, anders zu werden. Du bist es schon, was du sein willst. Du bist in diesem Festglauben geboren. Sage mir nicht, daß du es nicht fühltest, daß du festlich geboren bist, festlich auch in den tiefsten Sorgen, festlich auch bei dem größten körperlichen Leid.

Du bist nie anders gewesen als festlich, du konntest auch nie anders sein. Was dir aber gefehlt hat, das war das Bewußtsein deiner Festlichkeit und deiner Schöpferallmacht. Mache dir deine Weltallkraft bewußt, macht es euch alle bewußt, daß Geburt, Liebe und Tod zusammen eure wirkliche festliche und eure unwirkliche festliche Welt bedeuten, daß ihr ewig und unerschöpflich die unsterbliche Schöpferkraft selbst seid.“