Ihr sollt nicht sagen: „Stuhl, verneige dich vor mir. Dann will ich dir glauben, daß du lebst.“

So sollt ihr auch nicht zum Stein sprechen: „Friß Fleisch und weine Tränen!“ Und da er das nicht kann, verachtet ihr ihn und nennt ihn leblos.

So könnt ihr nicht zum Baume sagen: „Trage beliebige Früchte, wenn ich es befehle, damit ich erfahre, ob du meine Menschenstimme hörst und dich mir verständlich machen willst.“ Oder: „Baum, fliege fort wie ein Vogel und komme aus dem Tal auf den Berg.“

Ihr werdet nicht zum Pferde sagen können: „Wenn du menschenähnlich bist, dann gehe aufrecht wie wir Menschen auf zwei Füßen dein Leben lang.“

Und zum Vogel dürft ihr nicht sagen: „Du kannst nicht so klug und so festlich sein wie wir, weil du nicht in Häusern mit vielen Zimmern wohnst, weil du keine Menschengenüsse kennst, keine Menschenbücher, keine Menschenbilder, keine Menschenmusik verstehst.“

Darauf muß euch euer Weltallverstand antworten, der ebenso im Vogel, zu dem ihr sprecht, wie in euch regiert: „Wenn du fliegen könntest, Mensch, von Ast zu Ast, so würdest du zwischen Blüten erfahren, in welch herrlicher Welt ich lebe. Die Blüten, die für dich, Mensch, klein sind, sind für mich, den kleinen Vogel, so groß, daß, wenn sie in deiner Welt wären, sie im Verhältnis zu dir so groß wie dein Kopf sein würden und noch größer, ja, manche Blumen wären so groß wie du selbst.

Denke dir, in diesem wunderbaren Reich zu fliegen unter Millionen mühlsteingroßer Blüten! Wenn du dann fliegen dürftest; wenn du in den Äther hinaufsteigen könntest, wie ich, kleine Lerche, nur getragen von dir selbst, so wie dich deine Füße über die Erde tragen, aber nicht getragen von Flugmaschinen, von Motoren; getragen von dem Drang in deiner Brust. Stelle dir vor, dich hoch, hoch von aller Welt und Wirklichkeit entfernen zu können, getragen von dem Liebesdrang im Äther ein Liebeslied zu jauchzen, um der Geliebten zu zeigen, wie hoch deine Liebe auch deinen Körper über alle Dinge erhebt.

Welch ein Fest, Mensch, würdest du dann fühlen! Würdest du nicht gerne die Bücher, die Säle, die Bilder und deine Menschenkunst verlassen?

Tu es, und nimm im nächsten Leben die Gestalt einer Lerche oder die einer Nachtigall an; denn es ist dir ja ein kleines, dieses zu tun, wie es mir ein kleines sein wird, Mensch zu werden, wenn mich mein Vogeldasein ermüden sollte und mich ein innerer Wunsch zur Menschengestalt hindrängen sollte.

Meine Schöpferkraft ist auch deine Schöpferkraft. Du kannst mir nachfühlen, auch ich kann dir nachfühlen. Wir sind verschieden und doch nicht verschieden voneinander, da wir beide wirklich und unwirklich leben, da wir beide im äußeren Leben scheinbar getrennt sind, im inneren Leben aber unzertrennlich dasselbe sind, Besitzer einer und derselben ewigen Schöpferkraft.“