So würde der Verstand des Vogels zu dir sprechen, o Mensch, wenn dein Verstand ihn fragen würde. Und so wird jede Gestalt des Lebens, jedes Lebewesen, wenn du willst, dir ihr äußeres Leben verschieden von deinem erklären, aber im inneren Leben seid ihr ein und dasselbe, ihr Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und Dinge.
Ihr steht alle zusammen in Fühlung, in Verstandes- und Gefühlsfühlung, geboren unter verschiedenen Gesetzen, aber alle seid ihr dasselbe, die eine einheitliche Schöpferkraft, die im äußeren und inneren Leben das ewige Schöpfungsfest feiert.
Keine Schöpferkraft steht über euch; die Kraft liegt in euch. Alle Gestalten haben sich zusammen ausgedacht, und es wohnen alle Gestalten deshalb auch in jedem einzelnen von euch. Das große Fest zerfällt in viele kleine Feste, und alle Feste zusammen bilden das Schöpfungsfest, das immer war und immer sein wird, und bei dem ihr immer anwesend wart und anwesend sein werdet, und bei dem ihr mitgeschöpft habt und immer mitschöpfen werdet.
Kommt aber da einer und sagt mir: Was hat es für einen Sinn, dieses ewige Sichverwandeln, dieses ewige Schaffen ohne Ende? Wo will das Schaffen hin? Wenn auch Schaffen Genuß ist, wird dieser Genuß nicht eintönig?
So frage ich dich zurück: Hat dein Herz in den neunzig Jahren, die du vielleicht gelebt, eine einzige Stunde stillgestanden? Hat nicht dieser kleine Muskel eine Titanenaufgabe erfüllt? Wie kannst du denn da mit dem Hauch einer Sekunde zweifeln wollen an der unerschöpflichen Lust der Schöpfungskraft, wenn dein eigenes Herz dich Lügen straft?
Dieses soll dir aber nicht genug Erklärung sein. Ich will dich gar nicht erinnern, wie sehr du als Kind nach dem Leben verlangtest und dich sehntest, mithelfen, mitleben, mitfeiern zu dürfen. Ich will dir nur sagen, wenn du ein alter Mann oder eine alte Frau bist, die mich so fragt: erinnere dich, als du in der Mitte deines Lebens standest, auf der Höhe deiner Schöpferkraft, als du dir vorkamst, als wenn alles dir gelingen würde und dein Körper noch stolz war, dein Blut spielend durch deine Adern lief, dein Rücken, dein Knie, deine Ellenbogen, deine Gelenke alle herrlich elastisch waren, dein Geist mutig und dein Herz voll Wohlbehagen — würdest du da gesagt haben: Es ist eintönig, ein Mensch zu sein?
Und wenn dir in der Fülle deiner Kraft, dir, Mann, das Weib gegenüberstand, das du liebtest und das dich wiederliebte, und nach dem du vor Sehnsucht branntest, sobald sie dich ansah, und sie vor Sehnsucht herrlich demütig wurde, wenn du sie ansahst; oder wenn dir, Weib, der Mann, nach dem du verlangtest, begegnete, glaubst du, Mensch, daß dann dieser Augenblick eintönig war?
Glaube mir auch, daß, wenn du diesen Augenblick wieder erleben würdest, in anderer Gestalt, wieder auf dem Gipfel deiner Kraft, glaube mir, er wäre in keiner Lebensgestalt eintönig. Der Liebesaugenblick ist bei allen Gestalten ein Augenblick von unerschöpflichster Seligkeit und Lebenslust und höchster Lebenshöhe.