Ob du in einer Blüte bist mit deinem Weibe und der eine von euch ist Stempel und der andere ist Staubfaden, oder ob du ein Tiermännchen bist und dein Weib ein Tierweibchen irgendwelcher Tiergestalt, oder ob du als Atom in den Steinen liegst, zusammengepreßt in Kalk- oder Sauerstoffverbindung, — wo und wie du dich auch mit deinem Weib gestaltet hast, überall wirst du den Lebenshöhepunkt auf dem Gipfel deiner Kraft im Liebesaugenblick finden, in der Liebesumarmung, wobei du, Mann, und du, Weib, euer inneres Leben und euer äußeres so dicht zusammenlegt, daß ihr in der Schöpferkraft eins seid.
Und in diesem Augenblick erkennt sich die Schöpferkraft selbst. In diesem letzten Augenblick der höchsten Liebesvereinigung, des tiefsten Ineinandersinkens erlebt ihr ein größeres Sichselbstvergessen als im Tod und zugleich ein höchstes Sichselbstbetätigen, einen stärkeren Augenblick, als der war, da ihr ins Leben tratet, stärker, als es eure eigene Geburt für euch war und alles, was ihr im Leben tatet.
Und aus dem fortpflanzenden Liebesaugenblick heraus, der aller Lebewesen höchstes Fest ist, höher als das Geburtsfest und höher als das Todesfest, der das Fest der neuen Verwandlung ist, könnt ihr, wenn auch eure Lebensgesetze euch von allen anderen Leben trennen, den Weg zur Verständigung mit allen anderen Gestalten finden. Denn in der Liebeslust gipfelt die Lust aller Leben, — der Liebe streben alle Leben im Weltall zu.
Außer der Liebe gibt es im ganzen Weltall keine höhere Seligkeit, für jede Gestalt bedeutet die Liebe die höchste Lebenshöhe, sie ist für alle Leben das einzige Lebensziel, die höchste Lebensfestlichkeit, die das Weltall kennt. —
Aber ihr werdet mir sagen: der Schrank gebiert doch keine Schränke, der Tisch und der Stuhl doch keine Tische und Stühle! Wo ist das Liebesfest und der Schöpfungsakt bei den toten Dingen?
Der Schreiner, der den Schrank ausgedacht hat, ist Vater und Mutter des Schrankes. Ihr habt doch gehört, daß alle Dinge zu euch Vater und Mutter sein können. Alle haben etwas an euch geboren. Und da der Schrank ein zugehöriges Stück zum Menschen ist, so mußte er auch von einem Menschen zuerst für das Menschenleben geboren werden.
Denn, seht, Wünsche sind so gut Lebewesen, wie es Gedanken sind. Der Leib des Menschen sprach zum Kopf des Menschen: Bau mir einen Behälter für meine Kleider. Und der Kopf des Menschen sprach: Du, Leib, dem ich diene, so wie du mir, Kopf, dienst, schicke deinen Wunsch tief ins Herz, so daß er ein Herzenswunsch wird. Dort laß ihn rufen und sich sehnen nach Vereinigung mit einem Gedanken in mir, Kopf.
Und seht, der Leib tat so und schickte den Wunsch zum Herzen, wie er es mit allen Wünschen tun muß, wenn sie etwas erreichen wollen.
Und im Kopf machte sich der Gedanke auf, der längst für diesen Wunsch vorbereitet war, so wie ein Mann geboren ist für eine Frau. Und Gedanke und Wunsch kamen zum Herzen und umarmten sich im Herzen. Und die Schöpferkraft, die sie erzeugten, setzte den Menschen in Bewegung.