Frage nur den Schreiner, ob der Schrank nicht lebt. Wenn er neu und das Holz zu grün ist, werfen und spannen sich die Bretter. So wie das Fleisch deines Armes für Wärme und Kälte empfindlich ist, so ist das Fleisch des Schrankes, das heißt, seine Bretter sind für Wärme und Kälte empfindlich und leben. Und so wie dein Arm im Alter mürbe wird und lahm und müde und die Frische und die Lebenslust einbüßt, so geht es mit dem Schrank. Sein Holz wird mürbe, und das Holz kann Krankheiten bekommen durch Feuchtigkeit und Nässe. Wucherungen entstehen, so wie in deinem Fleisch, so auch im Holz.
Und nicht bloß dem Holz und deinem Arm ergeht es so. Frage die Baumeister, die sich auf Eisen und Stein verstehen. Frage die Gärtner, die sich auf Erde verstehen. Eisen, Stein, Erde, wenn sie lange gelebt haben und dem Weltfest dienten und genug mitgefeiert haben, Stein, Eisen und Erde können krank, müde, mürbe und untauglich werden. Und wenn sie von den Menschen zu Gegenständen verarbeitet waren, dann können sie, wenn sie müde werden, auch nicht mehr ihr inneres Leben, nicht ihren Zweck mehr erfüllen.
Da aber mit den Gegenständen — die wir nur mit erweiterten Gliedern unseres Menschenlebens vergleichen können, wenn wir sie in ihrer Gestalt betrachten und verstehen wollen — also nur ein Teil von uns, ein Glied von unserem Leib stirbt, sind wir auch nicht so traurig, wenn wir diese Gegenstände sterben sehen, als wenn wir ganze Menschen sterben sehen. Denn der Verlust eines Armes, eines Zahnes, eines Ohres, eines Beines ist uns wohl sehr wichtig, aber doch nicht so wichtig als der Verlust einer ganzen Menschengestalt.
Sehen wir aber von der Gestalt ab und denken, daß Lebensatome, Lebenskräfte, mit den Gegenständen oder mit den Gliedern, die wir verlieren, um uns verschwinden, so können wir, wenn wir uns auf einen höheren Empfindungsstandpunkt stellen, uns sagen: die Atome und Kräfte dieser Gegenstände oder Glieder sind ebensowenig wie die Menschenatome und ihre Atomkräfte, die mit dem einzelnen Menschenleben scheinbar aufhören, verschwunden. Sie wirken seit Ewigkeit und wirken in Ewigkeit fort. Die Schöpferkraft in uns, die den Schrank gebaut hat, und die den Menschenarm zum Menschenleib aus Wunsch und Gedanken geschaffen hat, diese gibt dem Schrank ähnlich ewiges Leben, wie sie dem Menschenarm es gegeben hat.
Ich will damit sagen: die Entstehung des Schrankes aus Wunsch und Gedanke gehört wie der Mensch im letzten Grunde der Urschöpferkraft aller Leben an. Und die ist nicht weniger ewig zu nennen, ob sie nun Glieder des Leibes, wie Arme, oder sogenannte tote Dinge, wie Schränke, ausdenkt.
Mit dieser Auseinandersetzung habe ich darauf hinweisen wollen, daß nicht bloß der Mensch zum Menschen reden soll und kann. Sondern Tiere, Pflanzen, Bäume, Steine, Erde, Holz, da sie mit dem Menschen Wesen und Glieder desselben ewigen Lebens sind, so können sie und auch die „toten“ Dinge ihr Leben einander und den Menschen mitteilen. So gut wie der Vogel den Menschen überzeugen kann, wenn letzterer sich in des Vogels Leben vertieft, wie schön es dieser in der Luft hat, so können auch die Gegenstände im Zimmer zum Menschen überzeugend reden und können von ihrer Zufriedenheit, von ihrer Frische, von ihrem Alter, ihren Krankheiten und ihren Erinnerungen zu dir, Mensch, reden.
Und diese Gedanken und Gefühle, die dir, Mensch, beim Anblick toter Dinge im Herzen zu reden beginnen, das ist die Sprache der stummen Dinge. Höre darum deinen Gedanken und Gefühlen zu, wenn du vor der Welt und ihren Dingen sitzt. Die Gedankensprache und Gefühlssprache ist die Weltallsprache.
Der Gedanke und das Gefühl sind die Stimme, mit denen die Gestalten des Lebens, die Lebewesen und die von den Menschen geschaffenen Gegenstände, sich deinem Herzen und seiner Schöpferkraft verständlich machen wollen.
Mal wollen sie dich mit Gedankensendungen unterhalten, mit Gefühlserinnerungen; mal wollen sie dich durch Gedankeneingabe um Hilfe bitten, daß du tätig wirst und ihnen beispringst; mal wollen sie dir selbst helfen, daß du aufmerksam wirst und nach einer Gefahr, die dir droht, dich umsiehst. Mal wollen sie dir klagen, daß sie müde sind und sterben wollen und die Gestalt wechseln möchten. Mal wollen sie dir in ihrer Tätigkeit gefallen und deinem Gefühl mit ihrer Farbe und mit ihrer Linie mitteilen, wie schön, stark und ewig das Lebensfest ist.