Wer aber noch Unruhe mitbringt beim Lesen dieser Zeilen, den wird die Unruhe nicht Fuß fassen lassen. Der wird in einem Chaos zwischen Dämmerungen und zwischen grellen Lichtblitzen und bei plumper Erdendumpfheit und bei Gedankendunkelheit herumtappen, von früheren falschen Idealen unbefriedigt, von früheren halben Lösungen angewidert; der wird wie einer sein, dessen Haar verwirrt ist, und der nicht die Geduld besitzt, es in Ruhe auszukämmen. Und er wird sich Schmerzen bereiten aus einer unnötigen Ungeduld heraus. Darum gönnt euch Geduld, diesem Buch zuzuhören.
Ich habe keinen Vorteil davon, den Menschen diese Aufklärung, die sich in mir bald dreiundzwanzig Jahre ununterbrochen aufgebaut hat, vorzuschlagen. Den einen Vorteil vielleicht hätte ich, daß ich weniger Unruhe begegnen würde, weniger Hast und Unzufriedenheit und mehr weisem, festlichem Sichversenken in den Reichtum der Welt rundum. Ich möchte, daß es in Europa so werde wie im fernen Osten, wo mehr Verinnerlichung und mehr Verständnis für die Weltleben, für Naturleben und für Freude am Weltall herrscht, und wo mehr Nutzen und Freude vom Lebensfest geerntet wird.
Der Kapitän des Schiffes, auf dem ich in Japan ankam, sagte zu mir, als die Anker in Nagasaki Grund faßten: „Herr Dauthendey, so lange Sie jetzt in diesem Land, in Japan, sein werden, werden Sie niemals ein Kind schreien hören und niemals sehen, daß ein Tier geschlagen wird.“
Kinder und Tiere werden in Asien nur mit Milde und mit Freundlichkeit behandelt. Denn der Asiate sagt, es ist die erste Pflicht der Eltern, unendliche Geduld zu üben gegen alle Unarten eines Kindes. Und es ist Pflicht des Menschen, wenn er sich mit Tieren verständigen will, unendliche Geduld zu üben. Die Freundlichkeit erreicht alles, sowohl beim Kind als beim Tier. Und für alle Leben, mit denen man in Beziehung treten will, sind Geduld und Freundlichkeit die einzig möglichen Verkehrsmittel, die angewendet werden müssen, weil sonst überhaupt keine Verständigung möglich ist, keine Übertragung von Gedanken und Gefühlen dieser lautlosen, aber überall den Verkehr ermöglichenden Weltsprache.
Denkt euch einem Franzosen oder einem Engländer gegenüber, dessen Sprachen ihr noch nicht geläufig versteht, so könnt ihr doch bei Geduld und Freundlichkeit die Gedanken des Fremden empfinden und verstehen. Denn es ist durchaus nicht nötig, die Sprache der verschiedenen Völker oder der Tiere, der Vögel oder aller Dinge in ihren Lauten auszuklügeln.
Es ist auch nicht nötig, die Zeichensprache der windbewegten Bäume, der Gräser in ihren Rhythmen und in ihrem Linienwuchs zu ergründen. Es ist auch nicht nötig, die Sprache der Steine, die, mit Licht und Schatten bekleidet, eine Sprache von Farbenwirkungen sprechen, sich zu deuten.
Dieses Deuten überlaßt denen, die ihr Leben dem Sprachdeuten des Weltallebens widmen wollen.
Ihr alle aber könnt alle Leben verstehen ohne besonderen Scharfsinn, ohne langwieriges Beobachten, wenn ihr nur Geduld und Freundlichkeit über euch selbst breitet und den Gedanken und Gefühlen so den Zutritt laßt, die jedes Ding dem anderen zuschickt, jedes Lebewesen dem anderen Lebewesen, jedes Atom dem anderen Atom.
Hört, wenn ihr vor ein Ding hintretet oder vor einem Lebewesen steht, hört auf die Gedanken und Gefühle, die in euch aufsteigen, die zu eurem inneren Ohr reden, so wie ihr mit dem äußeren Ohr auf die Sprache und Gesten der Menschen achtet; dann werdet ihr an euren unwillkürlichen Gedanken und Gefühlen das Leben des Gegenstandes oder des Lebewesens miterleben.