Ich war froh, als der Wundermann endlich mitlachte, und als er, nachdem er gegessen und Bier getrunken hatte, wieder Schlaflust bekam, die er seit Tagen künstlich vermittelst Tee und Tabak von sich fern gehalten. Er mußte uns versprechen, zu schlafen und nicht mehr an Wunder zu denken und im Bett zu bleiben, bis wir ihn am nächsten Tag wieder besuchen würden.
Das tat er auch wirklich, und er schlief noch, als wir ihn am nächsten Mittag um zwölf Uhr wieder aufsuchten. Dann war seine Rede wieder vernünftig, und nur noch die roten Flecken in seinem Gesicht, die erst nach einigen Tagen verschwanden, erinnerten an die fieberhafte Wundersucht, die ihn beinahe um Verstand und Leben gebracht hätte.
Nach diesen Erlebnissen mit dem jungen Philosophen war mir eigentlich das Sprechen mit ihm über Atomkraft und über die neue Weltanschauung verleidet, und es war mir lieb, daß mein Freund, der erst vorhatte, den Ferienkurs in Würzburg zu besuchen, sich entschloß, zu den Ferien heimzureisen, um in der Universitätsstadt, in der er geboren war, Ferienkollegs zu belegen.
Als das Wintersemester begann und er wiederkehrte, war er wieder derselbe ruhige und stilldenkende gesetzte Mensch, als den ich ihn immer gekannt hatte. Er hatte dann auch viele Kollegs zu besuchen, und sein Studium nahm ihn derart in Anspruch, daß er nicht mehr so ausschließlich der von ihm auf Physik und Chemie angewandten Lehre der Atomkraft nachgrübeln konnte. Aber das will nicht sagen, daß er die neuen Gedanken bei Seite gelegt hatte. Er holte sie immer wieder vor und ließ sie nicht los und legte sie auch ein Jahr später in einem Manuskript nieder; nur auf plumpe Wunderversuche ließ er sich nie mehr ein.
Wenn ich ihn manchmal nach Jahren wiedersah, in dieser oder jener deutschen Stadt, wo er als Assistenzarzt weilte, und auch dann, als er später selbständiger Arzt geworden, so war seine Atomkraftlehre immer mit neuen Erklärungen chemischer und physikalischer Vorgänge weitergediehen, und er hat diese Lehre niemals aufgegeben, sondern sie immer mehr vereinfacht und ausgearbeitet.
Doch die Anwendung der neuen Weltanschauung auf das Gesellschaftsleben der Menschheit und auf das einzelne Menschenleben kam ihm als etwas so Selbstverständliches vor, daß er sich nicht weiter Mühe gab, darüber etwas niederzuschreiben.
Mir aber, in meinem Schriftstellerberuf, bildete sich die neue Weltanschauung zu einer Mündigkeitssprechung der Menschheit aus. Und die Zeit von 1890 bis heute, vor allem die Zeit von 1890 bis 1900, war für mich eine fortgesetzte Entwicklung zu einem neuen Menschentum hin auf Grund der neuen Weltauffassung, von der ich heute fest überzeugt bin, daß sie dazu da ist, die Menschheitsideale von morgen zu schaffen, denn das Weltfestlichkeitsgefühl liegt im Menschen eingeboren, es ist keine Lehre, sondern ein natürlicher Zustand, den jeder an sich erkennen kann.
Ich habe diese Weltauffassung in der Dichtung angewandt und habe sie bewußt und unbewußt bei allen Begegnungen mit Dichtern, Künstlern und geistigen Zeitgenossen aus mir sprechen lassen.
Meine festliche Weltauffassung wurde mir aber oft als Oberflächlichkeit oder Leichtsinn ausgelegt. Um nun endlich ganz verstanden zu werden, in Werken und Handlungen, will ich die Entwicklungsjahre jener Zeit weitererzählen und die Zeitspanne, in der die neue Umwandlung am auffallendsten bei mir zutage trat, im nächsten Abschnitt dieses Buches schildern.