Noch immer liege ich nach dem Sturz mit steifem, schmerzendem Bein im Bett. Aber ich bin erstaunt, wenn ich feststelle, daß ich Wochen am selben Fleck gelegen habe. Es ist mir, als hätte ich keinen Augenblick still gelegen, denn ich bin Meilen über Meilen in das Jahr 1890 zurückgewandert.
Ich erlebte nach dem Sturz in den wenigen Minuten im Gartensaal des Gutshofes, als ich meine und meines Freundes Photographie dort stehen sah, blitzartig jenen Augustnachmittag wieder und die wirren Wunderversuche des jungen Philosophen.
Die Glocken schweigen jetzt mittags, denn die Zeit des außergewöhnlichen Trauergeläutes für den verstorbenen Prinzregenten ist abgelaufen. Die Glocken haben mich gut in die alten Zeiten hineingesungen, so daß ich sie im Geiste immer weiter singen höre, auch wenn sie mittags nicht mehr läuten und nicht mehr melodisch brausend mein Zimmer umkreisen.
Kaum aber kann ich noch glauben, daß ich bereits im Jahre 1913 lebe, denn ich habe auf der Erde noch keinen Schritt in diesem Jahr getan. Nur meine Gedanken marschierten.
Dreiundzwanzig Jahre, die mich vom Jahre 1890 trennen, sind verschwunden, als wenn sie nie gewesen wären. Ist das nicht auch eine Festlichkeit, keinen Schritt mit seinen Füßen in der Gegenwart tun zu können und im Geist bei den Geistern alter Jahre Spaziergänge zu machen mit frischen Jünglingsgliedern?
Und ist das nicht auch eine Festlichkeit, daß ich bei den Erinnerungen die Schmerzen der Gegenwart ganz vergessen und mein Buch beginnen konnte?
Das ist ein großes festliches Wunder, daß die Zeit des Menschen Wunsch gehorchen muß, und daß der Mensch der Gegenwart Schmerzen in Vergessenheit verwandeln kann.
Es ist mir das eine neue Bestätigung dafür, daß das Leben in Leid und Freude ein Fest ist.