Und ich muß es immer wiederholen: Das Leben ist unter allen Umständen ein Fest.
Für den Armen und für den Reichen, für den Lebenden und für den Sterbenden ist es festlich, wenn wir es nicht bloß mit äußeren, sondern auch mit inneren Kräften erleben und uns Schöpfer und Geschöpf zugleich fühlen wollen.
Mein Lebenslauf in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war folgender:
Nachdem ich mein Vaterhaus Weihnachten 1891 verließ, flüchtete ich fort aus den Bürgerkreisen zu den „hundertjährigen“ Männern. Ich meine damit diejenigen Dichter und Denker, denen ich teils in Büchern, teils in der Wirklichkeit begegnete, jene, die reif und weise geboren sind, wenn sie auch noch einen jungen törichten Körper haben, jene, die einen bestimmten Grad von Unsterblichkeit besitzen, auch ehe sie ihr Lebenswerk vollendet haben.
Bis 1890 war ich im alten geistigen Deutschland aufgewachsen, im Deutschland von Schiller und Goethe, im Deutschland der Idealisten. Ich hatte noch keine Ahnung, daß dieses nicht mehr das heutige geistige Deutschland war, trotzdem ich empfand, daß die Gedichte, die ich bisher gelesen, wie ein alter vererbter Familienschmuck wirkten, und daß sie auf ihrem Glanz und in ihrer Sprache bereits eine dicke Patinaschicht trugen. Und auch alle die Gedichte der späteren Romantiker brachten eine süße Friedlichkeit mit, wie die alten Mahagonischränke sie ausströmten, in denen jene Bücher ihre Behausung hatten.
Körner und Kleist, Hauff und Mörike, Uhland und Rückert, Heine und Klopstock, ihre Bücher waren gütig und ehrwürdig und von der Vergangenheit geheiligt und gaben dem Zimmer, in dem sie standen, eine glückliche Ruhe und eine Weltferne. Und dieses wunderte mich nicht, denn sie waren aus alter Zeit. Aber daß die neueren Schriftsteller, die der sechziger und der siebziger Jahre, einen süßen Vergangenheitshauch in ihre Sprache legten, als wären ihre Bücher unter der Feder alt geboren, während die Worte noch tintennaß waren, das fiel mir unangenehm auf. Die Schriftsteller der achtziger Jahre dagegen, die, statt mit Tinte, mit Tier- und Menschenblut zu schreiben schienen, wirkten auf mich erlösend.
Ich hörte eines Tages zwei Herrn in Würzburg vor mir auf der Domstraße zueinander sagen: „Zola, dieses Schwein, sollte in Deutschland verboten werden.“ Und ich wurde stutzig, denn die Gesichter derer, die das sagten, waren derart empört, daß ich sofort begriff: wenn diese Bürgerleute sich so aufregten, dann würde jener Schriftsteller — dessen Name ich oft gehört, aber von dem ich noch kein Buch gelesen — sicher sehr ernsthaft sein.
In denselben Tagen war auch die Welt erfüllt vom Geschrei über Tolstois „Kreuzersonate“. Und es hatten sich, wie für und gegen Wagners Musik, Streiter für und gegen die „Kreuzersonate“ in allen geistigen Kreisen des Landes aufgemacht.