Kühler lassend, aber auch aufrührerisch, wirkte das Auftreten Björnsons, der in seinem Buch „Der Handschuh“ zum erstenmal die Forderung aufstellte, daß der junge Mann seine Keuschheit bis zum Hochzeitstage ebenso streng bewahren müsse, wie das junge Mädchen.
Die Erde schien in jenen Tagen dem geistig Miterlebenden im tiefsten Geiste stündlich zu erzittern. Dem sicheren Gesellschaftsleben war außerdem in dem noch unsicher schwankenden Geist des neue Menschenrechte fordernden Sozialismus ein Gespenst erstanden, und nur die Dichter wurden vorerst angelockt von der noch unbedichteten Zyklopenwelt des Arbeitertums.
Bei verweichlichten Gemütern mußte jedes Buch dieser neuen Gattung einen Schrecken erzeugen. Das Wohlbehagen des Bürgergeistes wurde gewaltig gestört durch die neuen Armuts- und Arbeitergestalten, die, ungewaschen und ungekämmt, verhungert und ungehobelt, in Fabrikluft schwindsüchtig und elend geworden, aber mit unverheuchelt ehrlichen Lebens- und Liebestrieben versehen, das Erbarmen und die Bewunderung der Dichter gefunden hatten.
In Deutschland konnten darum damals gute Bürger Zola auf offener Straße ein Schwein nennen! Auch Gerhart Hauptmann und Holz und Schlaf, die drei ersten deutschen Verkünder des Wirklichkeitslebens in Dramen und Romanen, waren von der sogenannten guten Gesellschaft noch geächtet, als könnten sie mit ihren Büchern die Leprakrankheit in Haus und Theater verbreiten.
Außerdem war da noch der Philosoph Nietzsche aufgetaucht. Ich sah zum erstenmal in der „Gesellschaft“ — die M. G. Conrad mit mächtigem Sturm und Drang stark und mutig begründet hatte — das Bild Nietzsches, des Dichterphilosophen, im Lesesaal der Würzburger „Harmonie“ im Jahre 1891, und zugleich war da ein begeisterter Aufsatz mit einer kurzen Angabe aller seiner Werke und mit der Nachricht, daß der große Mann geistig umnachtet bei seiner Mutter in Naumburg lebe und wahrscheinlich nie mehr die Klarheit seiner Gedanken zurückerhalten werde.
Ich eilte vom Lesesaal sogleich zur Stubertschen Buchhandlung und verlangte dort Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“. Niemand in der Universitätsbuchhandlung kannte den Namen des deutschen Philosophen. Man bestritt sogar, daß ein Philosoph dieses Namens in Deutschland lebe oder gelebt habe. Man behauptete, ich müßte mich im Namen geirrt haben. Man lächelte und schrieb den Namen, den der Universitätsbuchhändler und die ihn umgebenden Herren noch nie gehört hatten, nur ungern auf.
Man wird sich das heute kaum vorstellen können, heute, wo jeder einigermaßen gebildete Student Nietzsches Namen so gut kennt, wie ein Musiker Richard Wagner kennt.
„Den Philosophen Nietzsche, den Sie verlangen, kennen wir nicht. Nehmen Sie doch die Werke eines anderen,“ so riet man mir in jener Buchhandlung. „Einen Philosophen Nietzsche gibt es gar nicht, und wir werden uns nur lächerlich machen, wenn wir nach Leipzig schreiben. Bestellen Sie doch ein Werk von Kant oder Spinoza. Bei diesen Namen sind wir sicher, daß wir Ihnen die Werke verschaffen können.“
Ich dankte für den billigen Rat und wollte gehen. Da ersuchte man mich gnädigst, den Namen noch einmal aufzuschreiben. Drei Tage später bekam ich aus Leipzig das Buch.
Nietzsche war bereits geistig gestorben, aber sein Werk stand vollendet da. Ist es dann nicht erstaunlich, daß damals bloß die geistigen oberen Zehn, die sich um M. G. Conrads „Gesellschaft“ sammelten, den Namen Nietzsche kannten und im Besitz seiner Werke waren? Während fünfzig Millionen Deutsche, die ahnungslos das Kommen und Gehen eines deutschen Geisteszyklopen miterlebt hatten, so wenig von ihrem großen Zeitgenossen wußten und so wenig an seiner Arbeit beteiligt waren, wie wenn ein fernes Sonnensystem im Weltall untergegangen wäre, von dessen Glanz und dessen Erlöschen nur einige Sternwarten der Erde Kunde hatten.