Und ich frage mich: woran liegt dieses auffallende Unbeteiligtsein der gebildeten Massen an der Entwicklung großer Männer und ihrer Geistesarbeit? Erst wenn ein Lebenswerk vollendet ist, erst wenn manche Geister irrsinnig werden vor Überanstrengung und vor Qual über den Unverstand und die Teilnahmlosigkeit, auf die sie stündlich stoßen müssen, erst dann wird die heutige Gesellschaft in breiteren Massen auf sie aufmerksam. Selten aber werden junge einsame Geisteshelden von ermutigenden Zurufen, von der Spannung und Erwartung eines ganzen Volkes durchs Leben getragen. Jene jungen Männer sind die einsamsten Söhne ihres Landes, und, wie ich schon zu Anfang dieses Buches sagte, sie müssen durch Wälder von Dornen wandern.
Heute weiß ich mir die Teilnahmlosigkeit der Nation zu erklären. Der Hauptgrund, daß das Verachten oder Übersehen starker junger Männer in einem Volke möglich ist, beruht auf einer unglücklichen Weltanschauung der Menschheit. Würden die ungeheuren Kräfte und die ungeheure Aufmerksamkeit, die die Gesellschaft graugewordenen Idealen zuwendet, dem Weltfestlichkeitsideal zugewendet, so würde eine größere Festlichkeit des Geisteslebens das Völkerleben verklären, und die Schwungkraft des Geistes aller Gesellschaftskreise würde sich erhöhen. —
Kühnheit und umwälzende Neuheit waren die Kennzeichen aller bedeutenden Bücher der achtziger und der neunziger Jahre. Diese neuen Werke wirkten, wenn man sie mit den auf einer alten Weltanschauung fußenden Werken der Klassiker verglich, wie Dynamitpatronen im Bücherschranke.
Zugleich mit dem umwälzenden Geist des Schrifttums waren in jener Zeit die Frauen teilweise der Madonnenhaltung müde geworden, und auch der Geist der Frau wollte am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Zeit gärte, und es wogten im Geistesleben jener Tage zwei Strudel auf und nieder. Künstlerbewegung und Frauenbewegung, beide von Schöpferkraft angefeuert, hielten die öffentliche Meinung in Atem.
Von der Republik Amerika kam dazu das Wort Arbeit wie ein festliches Schlagwort herüber, und Europa echote: „Arbeit,“ und der Arbeiter wurde zum Ritter in der Phantasie der Dichter. Und die Frau wollte nicht zurückbleiben und wollte zur Arbeiterin werden. Sie, die vorher nur im Hause Mutter und Dame gewesen war, sie suchte sich jetzt auch einen Wirkungskreis außer dem Hause.
Ich muß gestehen, daß ich im Jahre 1890 noch herzlich wenig von all diesen geistigen Umwälzungen, die in der Welt vorgingen, wußte. Ich hatte bis zu meinem dreiundzwanzigsten Jahr von Gefühlsfragen und von Geistesfragen, die das Weltbild von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Jahrtausend zu Jahrtausend umgestalten müssen, nur eine Ahnung bekommen aus der Geschichtsstunde der Schule oder aus den Gesprächen meines Vaters über Politik. Sonst aber war die Welt bisher für mich scheinbar vollkommen gewesen, unerschütterlich nach biblischen Vorbildern aufgebaut, die vom Staate gutgeheißen und von den Dichtern mit Phantasie durchdrungen und besungen worden waren.
In der Privatier- und Universitätsstadt Würzburg sah man nicht das Elend und den Haß der Armen gegen die Reichen, der in Fabrik- und in Bergwerksgegenden damals zuerst aufschrie. Denn die Kaufmanns- und Rentierbevölkerung, die Beamten, Professoren und Offiziere, dazu die unbekümmerte Studentenschaft gaben dem Stadtbild, bei Weinbergen und altersgrauen Kirchen, den Frieden einer Lämmerhürde.
Das Wort Streik kannte man nur aus Zeitungen. Auch von der Frauenbewegung und Dichterbewegung kamen damals nur die Echos in Zeitschriften oder Zeitungen zu den stillen Gestaden meiner Vaterstadt. —