Außer einer würzburger Zeitung hatte ich kaum einmal in einem Kaffeehause eine andere Zeitung in der Hand gehabt, bis ich von dem einen meiner beiden Freunde, von dem Schweigenden, eines Tages auf das Berliner Tageblatt aufmerksam gemacht wurde. Ich höre noch seine Worte, als er sagte: „Im Feuilleton dieser Zeitung ist immer von einer Literatur die Rede, die nichts mit der alten Zeit zu tun hat. Diese Kreise, die in einem neuen Geist schreiben, solltest du aufsuchen.“
Ich hatte jene Literatur bereits aus der Zeitschrift „Die Gesellschaft“ kennen gelernt, aber ich war wie jeder Anfänger scheu und wollte erst meine eigenen Kräfte sammeln und meine Eigenart ausgeprägt haben, ehe ich mit jenen fremden Kreisen in Verbindung trat, die mir vielleicht zumuten würden, ihre Eigenart anzunehmen. Und ich war ängstlich, mein schriftstellerisches Ich zu hüten, bis es mir soweit ausgebrütet schien, daß es eine Persönlichkeit bekommen hatte.
So ließ ich es beim Lesen und Wiederlesen von Jacobsens Niels Lyhne beruhen. An diesem Buche bildete ich zuerst meine Schreibweise, und zugleich kam mir Niels Lyhnes Weltanschauungskampf, der zwischen dem Glauben an den alten Gott und dem Glauben an die Menschenvernunft schwankte, nahverwandt vor. Denn auch ich wog, ähnlich wie Niels Lyhne, noch immer die alte und meine neue Weltanschauung stündlich ab, schwankend zwischen der qualvollen Lehre der Erbsünde, der Verdammnis und der Belohnung nach dem Tode, und jener festlichen Denkweise, die mir erlaubte, mich Schöpfer und Geschöpf eines ewigen Weltfestes zu fühlen, zurückgeführt auf die Atomkraft aller Dinge.
Und so wie die Bücher der deutschen christlichen Klassiker nicht mehr in der Mauserzeit meiner Weltanschauungen auf mich wirken konnten, da sie mir in der gärenden Zeit zu christlich gottergeben vorkamen, so konnte ich auch selbst nicht mehr den Wunsch hegen, ähnlich dichten zu wollen wie die Dichter der alten Weltanschauung, die da in Reihe und Glied die Familienbücherschränke eines jeden deutschen Hauses füllten und den eisernen Geistesbestand meiner Zeit darstellten.
Solche Bücher kamen mir damals vor wie die jahrhundertalten Festungswerke der Stadt Würzburg, die schweigend behaupteten, für alle Jahrhunderte gut und nützlich zu sein und den Feind, den Erbfeind abwehren zu können. Sie sahen auch sehr trutzig drein, diese prächtigen Wälle, die von den klügsten Geistern ihrer Zeit zur Abwehr ausgedacht waren und stattlich und unerschütterlich schienen, als könnten sie noch Jahrtausenden trotzen.
Das Stadtleben aber, das sie schützen wollten, engten sie mit der Zeit so ein, daß die Bevölkerung, die weiterwuchs und immer licht- und luftbedürftiger wurde, durch Raummangel jeden Tag verheerende Krankheiten ausbrechen sehen konnte, hervorgerufen durch Menschenanhäufungen.
Und dieselben Wälle, die dem Feind wehren sollten und ihre Bürger retten vor dem Tod durch Feindeshand, sie wären schuld geworden, daß der Tod sich von selbst in der Stadt geboren hätte, wären sie nicht niedergelegt worden. Denn sie waren jetzt nicht mehr die Verteidiger, sondern die Feinde der Bürger, deren Kindern und Kindeskindern sie den Lebensatem und die Lebensfrische unfreiwillig raubten.
Ebensolche Wälle schienen mir die vorsichtig gehüteten Geistesgüter der Vergangenheit und einer alten Weltanschauung zu sein. Die neuen Bücher dagegen, wenn sie vielleicht auch nicht bleibende Grundsteine zu neuen Mauern waren, so brachen sie doch wie Dynamitpatronen Breschen in das veraltete Geistesbollwerk der europäischen Nationen.
Die neuen Schriftsteller, die diese aufrührerischen Bücher schrieben, wurden aber zur damaligen Zeit noch vom Adel sowohl als vom Bürger und vom ganzen Volk, gleich den Geächteten, für vogelfrei erklärt. Das Wort „Schweine!“ war noch das mildeste, das man ihnen nachwarf.
Und so wie sich damals Familien und Freunde in der Musik über Richard Wagner zerkriegten, so entspannen sich in der deutschen Dichtung über Gerhart Hauptmann und die Jüngsten geistige Bürgerkriege, die in allen Gesellschaftskreisen mit heftigem Dafür und Dagegen ausgefochten wurden, — gar nicht zu sprechen von Nietzsche, dessen Name noch lange in Bürger- und Volkskreisen so unbekannt blieb, wie er es jenem Universitätsbuchhändler in Würzburg im Jahre 1890 gewesen.