Auch Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“ schlug wie mit Keulen an die guten alten Bücherschränke. Und es war eigentlich kein Wunder, daß an der Provinzuniversität der Name eines solchen Umwerters aller Werte noch unbekannt blieb, auch nachdem der Zyklopengeist dieses Denkers bereits aufgehört hatte, dem Leib zu gehorchen.

Es war so viel Gärstoff in jener Zeit, so viele große Männer waren an der Arbeit, daß, wer sich nach Geistesnahrung sehnte, reichlich genährt wurde.

Zu jedem Weihnachtsfest gab Ibsen ein neues Drama heraus. Björnson und Tolstoi behaupteten große Wahrheiten. Und Strindberg, der damals noch an der Züchtung seiner gewaltigen Eigenart arbeitete, stand in der Mitte seines Lebens und hatte noch seine mächtigsten Arbeitsjahre vor sich.

Liliencron fing eben an seine stürmischen und weltfröhlichen Lieder zu singen. Er trat erst mit vierzig Jahren als Dichter auf.

Die meisten der Genannten haben sich aber heute auch schon in jene alten Bücherschränke eingebürgert, und sie sind die Klassiker der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geworden; das deutsche Volk hat sie bereits in Gnaden aufgenommen, dasselbe Volk, das sich damals gegen ihren neuen Geist gewehrt hat.

Das Deutschland der blauen Ritterromantik und einer bleichsüchtigen Griechentumverehrung ist in jenen Jahren abgelöst worden von jenen Männern, die tapfer und furchtlos gegen Geistesverweichlichung weiter Bürgerkreise wie junge Ritter mit den Arbeitern Schulter an Schulter kämpften. —

Ich wollte mit diesen letzten Zeilen kurz eine Erinnerung des Geistesgesichtes jener Umsturzzeit geben. Ich habe auch nicht alle Geisteshelden jener Zeit genannt, sondern nur einige Schriftsteller und wollte nur das Zusammenwirken jener Titanen dem Leser in Erinnerung rufen, damit er Fuß fassen kann und meinen Weg leichter miterleben kann, den ich ihn jetzt durch die Jahre nach 1890 bis zur Jahrhundertwende führen will.

Ich habe im ersten Teil des Buches bereits gesagt, daß sich Stöße von Notizbüchern bei mir ansammelten, da ich die täglichen Spaziergänge, Gespräche und so weiter im Jahre 1890 niederschrieb und die Eindrücke in neuen Vergleichen festzuhalten versuchte. Es waren dies Übungen, wie ein Maler sie beim Aktmalen und der Musiker sie bei der Kompositionslehre vielleicht ähnlich vornehmen muß.

In meinen ersten Prosaversuchen hielt ich mich nicht an die alte Erzählungskunst der Klassiker, sondern an die neue Erzählungskunst, die mit Jacobsens „Nils Lyhne“ mir zum erstenmal bekannt geworden war. Diese Kunst verweilte nicht bloß am Wege, um notwendige Dinge zu schildern, die dem Fortgang der Erzählung nützlich waren. Auch vertiefte sie sich nicht in moralisierende Betrachtungen zum Beispiel beim Ansehen eines Sternhimmels, einer Blume, des Meeres und so weiter, wie es die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts mit Vorliebe getan. Sie beschrieb auch nicht die Dinge nur der Schönheit halber, sondern es war ihr darum zu tun, künstlerisch Leben zu geben, vertieftes Weltsehen, das in den leisesten Bewegungen eines Blattes, eines Baumes, das im Summen einer Biene und in der Zeichnung eines Gesichtes festliche Erlebnisse findet. In alles Weltalleben vertiefte sich mehr als in irgendeinem Jahrhundert diese neue Schreibart. Die früheren Zeiten beschrieben ein Frauengesicht nur, um seine Schönheit zu schildern, oder um festzustellen, daß jene Frau gut oder böse sei.

Nun aber enthielt man sich jedes Urteils. Die Neuen zeichneten ihre Personen, wie ein Maler sein Modell zeichnet, das ihn anregt, und dem Schuld oder Unschuld desselben gleichmäßig künstlerisch anziehend ist. Man lud keinen Fluch mehr auf die Handlungen des Menschen und übte keine offensichtliche Belobung ihrer guten Eigenschaften.