In dieser Weise schrieb Jacobsen seinem „Niels Lyhne“, der für eine ganze Reihe von jungen Schriftstellern der neunziger Jahre gleichsam als die Schöpfungsgeschichte einer neuen Schreibkunst galt. Jacobsen, der Naturwissenschaftler, der Botaniker, faßte die Menschen so behutsam wie Pflanzen an, die Menschen seiner Bücher, und schilderte ihre leisesten Handlungen mit einem feinen Beobachten, als galt es, Pflanzensorten zu bestimmen.

Seine durchaus nie verdammende oder beschönigende Art glich der Art eines Arztes und nicht der eines Richters. Wie ein Arzt, der, seelen- und körperkundig, die Fehler nachsichtig Schwächen nennt und die Schönheiten nicht überschätzt, sondern auch diese mit Augen betrachtet, welche die Vergänglichkeit aller Lebensformen nur zu gut kennen, und der darum nicht übermäßig begeistert und nicht übermäßig verurteilend auftreten kann, so war Jacobsen als Schriftsteller.

Seine Art gewann damals rasch die Herzen vieler der jüngeren aufwachsenden Dichter. Die Seelenkunde in den neuen Büchern schien ein großer Fortschritt zu sein gegenüber der moralisierenden Schreibart der Vergangenheit und gegenüber dem einfachen Richtertum, das selten über gute und böse Helden hinausgekommen war. —

Die meisten jungen Dichter der achtziger Jahre mußten mit einem Doktortitel versehen in die Welt treten. Denn das Wort Dichter stand tief gesunken im Ansehen des Volkes, und die komische schmachtlappige Dichterfigur, die Wilhelm Busch im Dichter Bählamm geschaffen hat, spukte immerfort in den Gehirnen der Dichter, die, überfüttert von verweichlichter Lyrik, deutlich ihren Ekel und Spott zur Schau trugen, wenn man von jemandem sagte, er dichte.

Heute ist es ein wenig besser geworden. Man ahnt wieder, daß die Dichter ernste Männer sind, arbeitsame, kräftige Naturen voll Wirklichkeitssinn. Man ahnt wieder, daß das Wort „Dichter“ nicht mit dem Wort „Schmachtlappen“ verwechselt werden darf, und daß wirkliche Dichter Kraftnaturen des inneren Lebens bedeuten, so wie große Feldmarschalle, große Diplomaten und große Herrscher Kraftnaturen des äußeren Lebens darstellen.

Wenn ein Dichter leiser auftritt als ein anderer Mann, wenn er träumender umhergehen muß, so ist es, weil er das wirkliche Leben äußerlich rascher aufgenommen hat als die anderen, blitzartiger, und weil in ihm die Gedanken und Gefühle dann tosen. Diesem inneren Gewitter seiner Gedanken und Gefühle muß er nachhängen und muß äußerlich oft verstummen und sich selbst zuhören.

Jeder wirkliche Dichter wird demütig gemacht von der Wucht, Ehrlichkeit und Eindringlichkeit seiner Gedanken und Gefühle, die ihm die Melodie des Lebens schon offenbaren, wenn die andern nur erst Lärm und Wirrnis sehen. Andere werden vielleicht demütig gemacht durch Niederlagen, durch Notlagen, Enttäuschungen und durch gewaltsame Demütigungen von außen. Der Dichter wird demütig gemacht von seiner Dichterstimme, die ihn fortwährend begleitet, als trüge er die Weltorgel in sich, auf der er den Lärm der äußeren Ereignisse in innere Töne auflöst.

Die Zerstreutheit eines Dichters, seine geistige Abwesenheit, der scheinbare Hochmut, der über seiner Haltung oft unbewußt liegen kann, die Ungeduld und der scheinbare Größenwahnsinn und sein Stolz — alles sind Zustände, wie sie die andern Menschen vielleicht kaum zehnmal in ihrem Leben kennen lernen, ein Zustand, wie ihn ein Feldmarschall während einer Schlacht empfinden muß, wenn diese noch zwischen Sieg und Niederlage schwankt. Der Dichter ist in jedem Augenblick auch ähnlich einem Erfinder, der nahe daran ist, der Welt eine Entdeckung zu offenbaren, und den nur noch fünf Sekunden von dem Recht trennen, darüber aufgeklärt zu werden, ob er sich in seinen Voraussetzungen geirrt hat oder nicht.

In diesem steten Schöpferzustand, in diesem ununterbrochenen Schöpfungsfieber bewegt sich das Leben des Dichters vom ersten Gedicht bis zum letzten. Er erledigt das äußere Leben blitzartiger, vorausfühlend und vorauswissend, wo die andern erst an der Tür des äußeren Ereignisses stehen. Aber die Verinnerlichung, in der er zum zweitenmal die äußeren Erschütterungen in sich lautlos nachleben und in Worte und Rhythmen bringen muß, ist ihm wichtiger und scheinbar wirklicher.

Ein Dichter im Verkehr wirkt deshalb immer unbequem, rätselhaft und ungelenk. Er scheint nur mit dem einen Fuß mitzutanzen, während die andern mit beiden Beinen Lebensgaloppaden ausführen.