Ein ernster Dichter wird immer den Frauen und den Männern ungesellschaftlich vorkommen, denn während sie ihn noch im Gewande oder in den Melodien seiner letzten Werke sehen und ihn darüber befragen möchten, hat seine innere Welt längst neue Töne angeschlagen, und er kann den Fragenden nicht einmal mehr antworten, da er fortgerückt und tief benommen ist von dem neuen Schöpfungsfieber, das ihn gepackt hat, und das ähnlich ist dem Fieber bei einer wogenden Schlacht.

Es würde keinem vernünftigen Menschen einfallen, von einem Feldmarschall beim Höhepunkt einer Schlacht Aufmerksamkeit für andere Ereignisse als die mit der Schlacht zusammenhängenden zu verlangen. Ein anderes Verhältnis besteht aber zwischen Welt und Dichter.

Der Dichter, der nur für die Schlacht in seinem Inneren Ohr hat, wird meistens als unvernünftig angesehen, wenn er sich in seiner Hingerissenheit nicht zugleich auch in seiner äußeren Welt so fest behaupten kann wie die andern. Er gilt als dumm und blöd, wenn er sich dort nicht helfen kann, wo die anderen sich spielend helfen.

Er gilt der Welt als frech und anmaßend, wenn er Ansprüche an die Mitwelt stellt, die ihm vom Standpunkt seiner Schöpferkraft aus klein scheinen, während die anderen den scheinbar Lebensunbeholfenen und scheinbar Lebensblöden bescheiden und anspruchslos und möglichst verzichtend haben wollen, da er von seiner inneren Welt reichlich entschädigt sei, wie sie triumphierend behaupten.

Als ob jeder Künstler die äußere Welt nicht immer reichlich nötig hat, um zur inneren zu kommen!

Der Gedanke, daß ein Dichter nur eine Dachkammer benötige, und daß nur die Not ihm Dichterträume gibt, lebte besonders zur Blütezeit der alten Weltanschauung eingewurzelt im deutschen Volke. Heute ist es aber bereits besser geworden, wenn auch die Dichter noch lange nicht vom Staat Pfründen beziehen wie die Kirchenbeamten oder Gehälter wie die hohen Staatsbeamten. Und doch wäre dieses eigentlich selbstverständlich, denn der Dichter, der Maler, Bildhauer und Musiker, sie sind die höchststehenden geistigen Beamten des Staates, und sie sind durch ihr Schaffen neuer geistiger Güter höher an Würde und Rang als die größten politischen Führer jedes Volkes. Die Künstler sind die reichsten Festgeber des festlichen Daseins der Menschheit, und dafür hat ihnen jeder Staat zu danken.

Ich setze diese Erklärung und Verteidigung der Künstler hierher, weil ich eben jene Zeiten erlebt habe, in denen Gedicht und junge Dichter bei der menschlichen Gesellschaft niedriger im Wert standen als im Mittelalter die Scharfrichter und ihr Handwerk. Aber wer gründlich verachtet wird wie der Henker, dem wird doch noch von den anderen ein volles Gefühl zuteil, das Gefühl des Abscheus.

Aber in jener Zeit, die ich meine, hatte man für den jungen Dichter in den Gesellschaftskreisen entweder ein mitleidiges Achselzucken, oder ein solch junger Geist wurde kurzweg als eine Lächerlichkeit angesehen, die nicht einmal mit ernstem Spott verfolgt wurde; er war für die Gesellschaft Luft und hatte kaum Daseinsberechtigung. —


Durch die neue Weltanschauung war ich aus dem Gleichgewicht der griechischen Rhythmen und einlullenden gutmütigen Melodien der alten Dichterwelt aufgerüttelt worden, und die Trochäen und die Jamben und der Hexameter, alle die uns von den Griechen überkommenen Versmaße, schienen mir undeutsch, zu feierlich und nicht auf die heutigen Lebensäußerungen und Lebenszerrissenheiten anwendbar, mit denen der Arbeitsgeist uns Menschen einer neuen Welt umgibt.