Bei der Fahrt um den Peloponnes entzückte mich besonders die rhythmische Berggestaltung dieses griechischen Landteiles. Die Berge waren dort, als ob eine Hand die Berglinien in der Luft vorgezeichnet hätte, als wären die Wellen der Erde einst bezwingenden rhythmischen Handbewegungen gefolgt und dann als zur Erde gewordener Rhythmus stehen geblieben.
In zarten Morgensonnenfarben, in einem kühlen Grün, das wie bereift aussah, und in einem fleischigen goldigen Rosa erschienen auf ätherblauem Meer diese ersten griechischen Landlinien des Peloponnes vor meinen Augen. Und ich hoffte bei ihrem Anblick bestimmt, daß hier der Boden für glücklichsten Dichterfrieden sein könnte, denn ich war beglückt vom Anschauen der rosigen Küste.
Ich saß, vom tönenden Meer getragen, auf dem sauberen silberweißen Schiffsverdeck, halb hinhorchend auf den Arbeitstakt der Schiffsmaschine, und baute mir in Gedanken ein Haus dort hinüber an eine der stillen weltverlassenen Meeresbuchten.
Vom Schiff aus gesehen, sprach jenes griechische Land keine andere Sprache als meine Heimatlaute, die ich in der Brust trug, und kein anderes Leben lebte an der nahen Küste als das Traumleben und die Traumgeschichten, die ich vom stillen Schiffsdeck hinüberschickte unter die Ölbäume dort.
Von jenen frühesten Morgenstunden an, als wir um den Peloponnes fuhren, bis zum Abend und bis zum nächsten Morgen, solange die Reise bis Piräus währte, füllte sich mir das leere Schiffsdeck, auf welchem wir nur vier Passagiere waren, mit allen Helden der „Ilias“, mit allen großen Geistern Athens.
Das Schiff war dann nicht mehr nur ein gewöhnliches Dampfschiff; es wurde hoheitsvoll ein Argonautenfahrzeug voll herrlich gerüsteter Männer, voll festlicher Götterfrauen. Sie kamen in hellen Zügen wie aufsteigender Meerschaum über das türkisenblaue Meerwasser. Sie kamen aus den fernsten Ölbaumhainen. Und als spät am Tage der Berge lange Abendschatten sich dunkelgrün in das Meer hinaus bis an unseren Schiffsbord hinlegten, da kamen immer mehr griechische Helden und Heldinnen, griechische Götter und Göttinnen, gefolgt vom frohen singenden Volk, auf den Abendschatten, wie auf Brücken, über die Meerflut heran.
— Nur wieder neun Jahre später erlebte ich ähnliches Entzücken, als ich in einem ähnlichen silberblauen Vorfrühlingslicht in der japanischen Inlandsee fuhr, zwischen japanischen Ufern, in der Heimat des naturseligsten Volkes der Erde. —
Als ich die Uferbilder und Meeresbuchtenlinien Griechenlands zum erstenmal zwischen den Wimpern meiner Augen in mein Herz einziehen fühlte, schienen sie unwirkliche Gefilde zu sein. So verklärt schimmerte das Tageslicht von den melodisch geschweiften Bergen, als wäre die Küste von dem Licht einer geistigen, unirdischen Sonne beschienen.
Jene Erde, die so viele Schritte ernster Helden einst gehört hatte und sich von Homer besungen fühlte, lag da vor mir, als hätte sie sich unter Homers Gesang verklärt — wie eine Frau, die lautlos ein Liebeslied immer wieder singt, das ihr der gestorbene Geliebte einst gedichtet hat.
Und wie das Antlitz eines Menschen, der ein Gedicht wiederholt, das er liebt, und dessen Auge zwischen irdischem und unirdischem Ausdruck geteilt, verklärt in den Tag sieht, so sah Griechenland — das Lied Homers lautlos vor sich hinsingend — mit seinen feierlichen Höhen an jenem Tage, an dem ich vom Morgen bis zum nächsten Morgen im Meer an der Küste vorüberfuhr, in meine Augen und war eine heilige Geisterwelt, eine heilige Dichterwelt.