Es schien keine Stunde nüchterner Alltag an jenen Ufern zu sein. Eine köstliche Festlichkeit begleitete mich an dieser Küste entlang bis zur nächsten Morgenstunde, bis zum Augenblick, da das Schiff in Piräus anlegte.
In Piräus, im Hafengetriebe, zwischen Hafenhallen und Haufen von Fischerbooten, bei schmutzigen Fischerkneipen, bei den Kähnen, die, beladen mit gelben Orangen und grünen Zitronen, fremdartig leuchteten, wußte ich nicht mehr, als ich den Fuß ans Land gesetzt, daß ich in Griechenland war. Es lag vor mir ein kleinstädtischer lebendiger Mittelmeerhafen mit dem üblichen Hafenlärm, mit Zollbeamten, Fuhrleuten, Fischern. Nur die griechische Lebhaftigkeit, das fliegende Verständnis für jeden Augenblick des Lebens, eine gewandte Eile und eine bestrickende Gefälligkeit, die den Nordländer argwöhnisch macht, in ihnen war griechischer Geist zu fühlen.
Wir fuhren dann bald mit einem Wagen auf der alten Heerstraße hin, die in einer geraden Linie, wie mit einem Lineal gezogen, nach Athen führt. Ich hatte geglaubt, daß hier Ende März schon Frühlingsgrün zu finden wäre, und war nun erstaunt, daß die Weingärten an den Wegseiten nur braune Rebenstrünke und noch kein grünes Blatt zeigten.
Während der Fahrt sah ich immer geradeaus und wunderte mich, daß ich nirgends den Felsen der Akropolis entdecken konnte. In der breiten Ebene, die sich zwischen zwei Bergzügen von Athen nach Pyräus ans Meer zieht, hätte ich geglaubt, den Berg und die Akropolis am Ende des Tales, groß gegen den Himmel gezeichnet, sofort erkennen zu müssen. Aber erst nah bei der Einfahrt in Athen sah ich, umgeben von höheren Hügeln und verschwindend klein neben dem mächtigen Hymettosbergwall, die Anhöhe der Akropolis mit den Tempelresten. Aus der Ferne ließ diese Tempelruine noch nichts von ihrer Großartigkeit ahnen.
Das neue Athen, in das wir einfuhren, mit seinen bürgerlichen Häusern der Neuzeit, mit seinen Schaufenstern, Straßenbahnen, seinem Kaffeehausleben, mit dem Getriebe unseres Jahrhunderts in der langen Stadionstraße, war mir vom Anfang an im Wege. Ich wäre am liebsten draußen vor der neuen Stadt heimlich aus dem Wagen gestiegen und durch die Felder in weitem Bogen um das neuzeitliche Athen gegangen, hinauf zur Akropolis.
Am Tage vorher auf dem Meer war ich im Geist in einer stillen Ruinenwelt angekommen, die sich Athen nannte. Ich hatte in Gedanken nebenbei ein paar Gasthäuser oder ähnliche Häuser in ehrfurchtsvoller Entfernung, den Ruinen bescheiden Platz machend, gesehen und hatte geglaubt, daß die Fenster jener neuen Häuser, so wie die Augen der neuen Menschen dort, den ganzen Tag andachtsvoll träumend und vom Bewundern der großen Vergangenheit der Ruinen bewegt, keine Zeit zu eigenem Leben finden könnten.
Nun aber lärmte da eine sich selbständig dünkende junge Stadt, eine mit Trambahnen, elektrischen Maschinen, Telegraphen und Telephonen und mit Motoren arbeitende, zeitgemäße, laute, ehrgeizige Stadt.
Diesen Zeitlärm konnte ich noch nicht mit meinen, nur feierliche Ruinen suchenden Wünschen vereinigen. Und ich war enttäuscht und wünschte mich wieder aufs griechische Meer zurück. Die Zeitungsverkäufer und die Lotterieverkäufer, die auf unserem Wagentrittbrett geschäftig schreiend emporkletterten, während wir in die lebendigen, gewerbetreibenden Morgengassen von Athen einfuhren, machten mich endlich lachen. Und Humor stellte sich ein, und ich freute mich, doch allmählich von der Meeröde wieder unter zappelnde Menschenkinder gekommen zu sein.
Das unterhaltende südliche Straßenleben, die Kupferschmiede, die Seiler, die Korbflechter, die Töpfer und das viele andere Kleingewerbe, das da zusammengepackt in den Gassen nistet, war in seiner herzlichen Irdischkeit reizvoll zu betrachten, und der Lärm, der mich zuerst abstieß, lockte bald vertraulich meine Ohren an. Eine arbeitende starke Gegenwart, meine Gegenwartswelt, erfüllte mich wieder, und ich ließ die feierlichen Träume weit zurück und fühlte mich trotzdem wohl.
Mein Reisegefährte hatte von seinem Vater einige Empfehlungen an griechische Geschäftsleute, an den deutschen Konsul und an den deutschen Archäologen Professor Dörpfeld mit sich. Von dem letzteren erhielten wir bei einem Besuch einige gute Ratschläge für unseren Ritt durch den Peloponnes, den wir von Olympia aus nach Sparta unternehmen wollten. Zuerst aber wollten wir vorher noch Delphi, Apollos heilige Stätte, am korintischen Meerbusen sehen. Französische Gelehrte hatten dort kürzlich das große Ruinenfeld der Heiligtümer wieder aufgedeckt. —