Morgens von sechs bis neun Uhr herrschte schon das lauteste Leben zwischen den blendend weißgetünchten Häusern von Athen. Keine Stadt ist mir je wieder so hell vorgekommen wie diese lichtdurchtränkte weiße Neustadt Athen. Und trotzdem herrschte Düsterkeit in den Straßen.
Denn in keiner Stadt sah ich jemals wieder so wenig Frauen, wie am Nachmittag dort auf dem Schloßplatz, während die Musik spielte. Nirgends war eine griechische Dame, nirgends ein griechisches Mädchen zu sehen. Nur manchmal fuhr ein weibliches Wesen in einem Wagen vorüber. Aber auf dem Schloßplatz standen wie eine einzige schwarze Masse, Schulter an Schulter, plaudernde Männer von allen Altern.
Nie wieder sah ich ein ähnlich einseitiges Dasein. Man könnte glauben, es würde hier Börse abgehalten unter freiem Himmel. Oder man konnte denken, es sei eine Verschwörung im Gang. Während im heutigen Rom zur Musikzeit in den Gartenanlagen des Monte Pincio die Römerinnen aller Gesellschaftskreise, zu Fuß und zu Wagen, plaudernd mit und zwischen den Herren erscheinen, sind in Athen zu den Musikstunden nur einige Ausländerinnen am Rand des Platzes bei den Kaffeehäusern zu sehen. Es entsteht deshalb hier kein fröhliches Gemisch, keine festliche gesellige Woge. Wie eine zusammengepferchte Stierherde stauen sich die Männer stumpf und stolz um die Musik.
Ich habe ähnliches nur im Hyde-Park in London gesehen, wenn ein politischer Redner auf einen Stuhl gestiegen war und sich Hunderte von Männern um ihn gesammelt hatten. Dort sah ich ähnlich viel schwarzbekleidete Rücken wie auf dem Schloßplatz von Athen.
Eine gähnende Langweile ging von dieser Musik aus. Denn die plaudernden und politisierenden eifrigen griechischen Männer ließen die Musik, wie es schien, nur in ihren Ohren verhallen. Die Frauen, die im Gehen und im Lächeln wandelnde Musik sein können, fehlten hier den Augen der Männer, und das machte, daß die Männerohren nur halb hinfühlten, und daß nur eine halbe Festlichkeit aufkam.
Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sagt die Bibel. Und ich möchte hinzufügen: es ist nicht gut, daß der Mann ohne eine Frau Musik hört, daß der Mann ohne eine Frau ein Gedicht liest, daß der Mann ohne eine Frau ein Bild betrachtet, daß der Mann nur mit Männern spaziert. Ohne die Frau kommt nur die halbe Welt der Kunstwerte und die halbe Welt allen Lebens zum Mann. Ebenso können die Frauen die Welt und die Künste nicht allein ohne den Mann ganz verstehen und ganz genießen.
Als ich allein um die Erde reiste ohne meine Frau, merkte ich es zuerst gar nicht, wie wenig ich eigentlich sah. Ich merkte es aber gleich, wie viel ich sah, als ich heimkam von der Weltreise und meine Frau in meinen Erzählungen mit mir zusammenreiste.
Da erst wachten viele Blicke auf, von denen ich nicht gewußt, daß ich sie aufgenommen hatte, und Bilder und Landschaften und Begebenheiten kamen mir aus dem Unterbewußtsein ins Bewußtsein, als ich vor ihren Augen noch einmal die Weltreise zu Hause in Gedanken dichtete.
Was ich für mich allein erinnert hätte, das wäre kaum die Hälfte der Eindrücke gewesen. Für sie aber erinnerte ich noch eine Fülle, die ich im Unbewußten beim Reisen mit ihren Augen aufgenommen hatte, und die verloren gegangen wären, wenn nicht ihr Auge mir dann zu Hause das unbewußt Gesehene geweckt hätte.