Ich hatte auf der Weltreise unterwegs keine Notizen gemacht, was ich niemals auf Reisen tue, hatte mich auch durch keine Bücher auf die Reise vorbereitet, las auch nach meiner Heimkehr nicht die Briefe durch, die ich unterwegs geschrieben hatte, sondern hielt mich nur an mein und ihr Auge, an unsere inneren und äußeren Augen, mit denen ich die große Reise nochmals nachreiste, so wie ich heute nach sechzehn Jahren die griechische Reise wieder nachreise.

Von der Weltreise kam ich im Juli 1906 zurück, und erst im Juli 1907 begann ich mein Buch „Die geflügelte Erde“, das jene Reise in Versen beschreibt. Nur einige Photographien und Ansichtspostkarten und nur kleine Geschenkerinnerungen, die ich von jedem Ort unterwegs für meine Frau mit nach Hause genommen hatte, nur diese winzigen Stückchen Wirklichkeit halfen mir zwei Jahre lang nochmals die sieben Meere und ihre Wunder in einer Dichtung aufleben zu lassen.

Ich fühlte mich während der Reise um den Globus auch keinen Augenblick als Schriftsteller reisen. Wohl hatte ich jene Fahrt mit dem Gedanken angetreten, später einmal eine Dichtung über die Wunder der Erde schreiben zu wollen. Aber während der Reise enthielt ich mich jedes Gedankens an das künftige Buch. Und ich glaube, ich bewahrte mir dadurch einen möglichst unbefangenen innerlichen Blick, indem ich jedes übertriebene berufsmäßige Schauen, jedes berufsmäßige Aufnehmenwollen beim Reisen ausschaltete, wie ich das auch bei Erlebnissen immer zu tun versuche.

Nur dann lassen sich die Empfindungen und die Gefühle breit und tief in einem nieder, wenn man ihnen allmenschlich und zwecklos entgegenkommt. Jeder Zweck macht die künstlerischen Gefühle taub und öffnet nicht die Tiefen des Innenlebens im Menschen.

Aber ich habe gefunden, daß es für einen Schriftsteller einer jahrelangen Selbstzucht bedarf, einer immer wieder erneuten Zucht des Willens und einer immer wieder erneuten Zucht zur Ruhe und Geduld bedarf, um das Leben mit offenem Gefühl täglich von neuem in heiliger Zwecklosigkeit empfangen zu können. Nur jenen Zweck soll der Dichter hochhalten, den, dem Weltalleben nachzufühlen und nicht nur sein eigenes Leben, sondern alle Lebenserscheinungen in das Herz einmünden zu lassen.

Nur dann wird dem, der sich durch solches Weltallempfinden, durch das gerechte und empfindende Betrachten aller Leben bereichert hat, nicht bloß das geistige, sondern auch das leibliche Gefühl der Lebensunendlichkeit zu teil.

Die Lust an der Unvergänglichkeit der einzelnen Atome des Leibes überbietet dann das leise Weh über die Vergänglichkeit der Leibesform. Denn das Gefühl der leiblichen Unsterblichkeit ist für uns alle erreicht, sobald wir das Weltall als unseren Leib und Besitz fühlen lernten.

Als ich am Spätnachmittag des ersten Tages in Athen, am Theseustempel vorbei, dessen ehemals weiße Säulen jetzt wie gelbes Bienenwachs leuchten, auf dem Weg bei den alten Amphitheatern zur Anhöhe der Akropolis hinaufwanderte und dann über die breiten zerbrochenen Freitreppen, auf dem mit Quadern bepflasterten Platz beim kleinen Erechtheiontempel vor den ungeheueren Säulen des Parthenontempels stand, da, schien es mir, waren das keine Ruinen, was ich vor mir sah. Es waren Bauwerke noch im Aufbau begriffen.

Die Handwerksleute und die Architekten schienen den jungen Bauplatz des herrlichen Zukunftbaues eben zur Abendstunde verlassen zu haben und waren hinunter in die Stadt gegangen. Da lagen Säulen und Quadern, die scheinbar noch am Mittag den Hammer und den Meißel der Steinmetzen gespürt hatten. Und die steinernen Frauengestalten, die das Sims des Erechtheion auf ihren Köpfen stützen, waren von den jungen Bildhauern vorhin erst mit den lebenden Frauen verglichen worden, die dazu Modell gestanden hatten, vor dem inneren und äußeren Auge der Künstler.