Jung, lebensvoll, wunderbar zeitlos waren die Formen und die künstlerischen Linien der behauenen Steine. Die gerillten Säulen standen jung aufrecht, als wäre in ihren tiefen Rinnen nur erst ein Mal ein Frühlingsregen herabgerieselt.

Nichts sprach hier von jahrtausendaltem Regen, von jahrtausendalten Winden und Sonnenbränden, die diese Steine erlebt hatten. Nur neuzeitliche und zukünftigste Weltfestlichkeit tönte bei jedem Schritt auf den Fließen des Parthenons in mein innerstes Ohr. Diesem Bauplatz fehlten nur die Gerüste; man mußte annehmen, die Baugerüste seien zu früh abgenommen worden, ehe die Bauten noch ganz fertig waren. Einen andern Eindruck empfing ich nicht. Das Wort Ruine kam nicht in meinen Gedanken auf.

Welche stümperhafte Bauten waren dagegen die alten römischen Backsteinbauwerke des Forums in Rom! Welche stümperhafte, geistesbeschränkte, unharmonische Linien trugen nicht alle anderen Steinbauten Europas! Hier an der Akropolis waren nicht bloß geschickte Menschenhände und klug berechnende Gehirne an der Arbeit gewesen. Hier hatten weltfestliche Herzen die Pläne gezeichnet, weltfreudige Hände und Augen Meißel und Hammer walten lassen. Die aus den Gehirnen eines Volkes von Dichtern geborenen menschenherrlichen Götter hatten, ähnlich wie sie beim Kampf um Ilion die Krieger aneiferten, so hier die Künstler bei ihrer Arbeit beseelt. Diese Tempel waren gedichtet, waren jahrtausendalte Steingedichte. Und so wie jedes echte Gedicht kein Alter, keine Zeit, keine Vergänglichkeit kennt, so standen auch diese Bauten alterlos jugendlich in ihrer unvergänglichen Selbstverständlichkeit da.

Auch die Säulen, die gestürzt waren, sie wurden nicht zu Ruinenstücken. Sie blieben Vollkommenheiten. Sie schienen in jedem Augenblick neu aufwachsen zu wollen, da jeder einzelne Stein, jede Meißellinie Unsterblichkeit ausstrahlte und überzeugendste Weltallfestlichkeit.

Wenn ich mir heute vorstelle, daß dort auf der Anhöhe der Akropolis, um den freien Platz bei dem Parthenontempel, Flieger mit ihren Flugmaschinen landen und wieder aufsteigen sollten und um jene sogenannten Ruinen kreisen würden, und wenn ich mir dieselben Luftfahrzeuge aufsteigend und kreisend um alte deutsche Burgen denke oder um das Schloß von Versailles, um den Londoner Tower, um das Potsdamer Lustschloß Sanssouci — nirgends in Europa würden die Flugmaschine und der Motor in ihrer edlen stählernen Gelenkigkeit und gestaltet von neuzeitlichem Erfindungsgeist sich so klar und gleichberechtigt dem Geist der Baumeister anpassen als bei der Akropolis. Hier könnte man glauben, die Ururenkel jener Bauleute haben von ihren Vätern mit den Plänen der Tempel auch die Pläne zu den neuzeitlichen Flugmaschinen, die Pläne zu den stählernen Motoren, ebenso wie die Pläne der drahtlosen Telegraphie, die Pläne zu den Markoniapparaten und die Pläne zu allen heutigen technischen und elektrischen Erfindungen erhalten.

Wenn ich an Gotik-, Renaissance- oder Rokokobauten denke, selbst wenn ich an den arabisch-maurischen Stil mit seiner weiblichen Märchenhaftigkeit denke, — bei keiner dieser an sich harmonischen Stilarten tritt das Geistige und das Körperliche in so klarer, edler und einfacher Einheit auf. Dieser Baustil ist der Brudergeist unserer sich in Arbeit und Festlichkeit und Selbstzucht übenden Zeit. Jung tritt einem dieser Neuzeitgeist entgegen aus allen alten Bauten Griechenlands und besonders aus den alterlosen athenischen Bauten der Akropolis und des Theseustempels.

Es scheint mir oft, als hätten unsere Architekten in ihren neuesten Bauten noch nicht dem aufgeklärten festlichen Zeitgeist voll Rechnung getragen. Wohl wirkt die große Vereinfachung in der heutigen Architektur befreiend. Aber es fehlt noch die Selbstverständlichkeit der Formen.

Zu viel geschultes Wissen, zu wenig innerliche Freiheit gestalten den heutigen Baustil. Es sind noch nicht alle Dumpfheiten alter Weltanschauungen vollkommen überstanden. Es herrscht noch nicht in der Architektur die selbstverständliche einfache Weltallfestlichkeit, die angeboren in uns lebt.

Den meisten unserer Bauwerke fehlt in der Linie noch die natürliche Beherrschung, mit welcher zum Beispiel ein Vogel von Baum zu Baum fliegt, mit der ein Reh aus dem Waldsaum tritt, mit der die Biene arbeitet und die Forelle gegen den Bachstrudel schwimmt, mit der das Buchenblatt sich aus seiner braunen Schutzkapsel entfaltet, mit der jede Baumart ihre verschiedenen zackigen Blätter naturgefällig hervorbringt.