Das europäische, zweckwidrige, schönheitswidrige, unedle, unsinnig zusammengestellte Modenungeheuer, das man nicht mit dem edlen Namen Frauengewandung benennen darf, ist ein Ergebnis dumpfer, verjährter und überwundener Weltanschauung.

Und auch die europäische Männerkleidung beengt den Körper, wirkt zerstückelt und ist zeitraubend beim Anlegen. Sie besteht aus viel zu viel einzelnen Teilen und Teilchen.

Der Menschenkörper aber soll eingehüllt und nicht eingezwängt werden.

Wie man ein einziges Einpackpapier um einen Gegenstand wickelt, den man einhüllen und so geschützt heimbringen will, so wird von Chinesen und Japanern der Körper des Menschen bei der Kleiderfrage behandelt.

Man preßt den Leib nicht ein und behängt ihn nicht mit zehnerlei Lappen und Läppchen, nicht mit drückenden Knöpfen und mit überflüssigen Litzen, Kragen, Krawatten. Der Asiate hüllt den Leib wie einen kostbaren Gegenstand weit und reichlich und doch sorgfältig ein, ohne die Glieder herauszuschrauben oder sie zu beengen. Der Asiate läßt seinem Leib in der Hülle Bewegungsfreiheit, er behandelt seine Glieder gütig und selbstverständlich verständig und liebevoll.

Man betrachte nur die Bilder der Japaner und Chinesen, die seit Jahrhunderten die Frauen immer im gleichen Kleide zeigen. Jene Völker sind nicht müde geworden, dieses selbe Kleid immer wieder zu sehen.

Man nahm an dieser Kleidung nur kleine Abwechslungen in den Stoffmustern vor, von Jahrhundert zu Jahrhundert kaum merkbar. Unsere Frauenwelt aber ist von einer Kleiderkrankheit, von einer Kleiderverwandlungssucht besessen. Teils bewirkt dieses die kaufmännische Gewinnsucht der Männer, teils hysterische Eigenliebe der Frauen, die sich gegenseitig zu unsinnigsten gehetzten Formen anspornen.

Wenn aber einmal Frau und Mann sich nicht mehr belügen und sich nicht mehr als den Gipfel der Schöpfung betrachten, sondern sich als Weltallmitglieder sehen, dann wird die Eitelkeit edlere Wege gehen. Diese aufgeklärten Menschen werden den Modeirrsinn verschmähen, und die Körper mit natürlichen Gewändern zweckdienlich, vornehm und freudig verhüllen, statt den Leib mit Stückwerk überreizt, unbequem, unschön einzupressen oder zu behängen.

Das chinesische Kleid, das weite Beinkleid, der ärmelweite, hemdartige chinesische Rock, könnte auch für uns Europäer eine Zukunftskleidung werden. — Die künftige Frau wird zugleich wie der künftige Mann die Schöpferkraft des ganzen Weltalls in ihrem Herzen als ewigen verantwortlichen Besitz und als unendlichen festlichen Widerhall fühlen. Diese dann nicht nur persönliche, sondern weltallfestlich gestimmte Zukunftsfrau, die im Garten und in der Natur, in der Gesellschaft, im Haus und bei der Arbeit, bei den Künsten und bei den Weisheiten ihres Volkes freudig und befreit aufgewachsen ist, diese wird sich ganz von selbst scheuen, sich unedler zu kleiden als die Griechinnen es taten, unedler als die Frauen der sinnenweisen Völker Asiens es tun.