Ich erlaubte mir die griechische Reise mit dieser Betrachtung zu unterbrechen, da ich, wie ich nochmals wiederholen möchte, in diesem Buch Gedankengut aus meinen Wanderjahren geben will und nicht nur Ereignisse. Ich möchte im Anschluß an die europäische Kleidungsfrage daran erinnern, welches Aufsehen in den neunziger Jahren Tolstois „Kreuzersonate“ machte. Der Dichter eiferte in diesem Werk gegen die Schamlosigkeit unserer Frauenkleidung, gegen die das Fleisch ausstellenden Ballkleider und gegen das Stahlgerüst, das damals den Frauen die Rippen einpreßte und die Brüste und Hüften herausdrückte.

Wie recht hatte der große Mann! Wie werden die europäischen Frauen von allen asiatischen Völkern verachtet, weil sie der Öffentlichkeit Reize enthüllen, die nur der Liebesstunde und dem Geliebten gehören sollen.

Das ist nicht Festlichkeit des Lebens, eine schamlose Ausstellung der Reize. Das ist hurenhafte Festlichkeit. Und sie mag gut sein auf dem Sinnenmarkt, dort wo die Frau ihren Körper verkaufen will, in den Häusern und Stadtvierteln der Freudenmädchen. Aber nicht einmal auf den japanischen Mädchenmärkten wagt die Dirne Japans mehr als ihr Gesicht und ihre Hände öffentlich zur Schau zu stellen.

Würden wir alle nackt gehen und würden alle Sinnenverrichtungen wie die Tiere unter freiem Himmel und vor allen Menschen ausüben, das wäre unschuldiger und schamvoller als es diese berechnende, halbe Enthüllung auf den heutigen Bällen der Europäer ist. Gebietet es die Sonnenhitze, das Baden im Meer, die Hitze im heißen Süden, daß die Frauen ähnlich den Indierinnen nur halb verhüllt gehen, so ist dann dieses Sichenthüllen natürlich und dort durch Zweckmäßigkeit geheiligt und unschuldig zu nennen.

Aber in unserem kalten, kühlen Klima, in unserer nüchternen Winterwelt, ist es Wahnsinn und Schamlosigkeit, wenn die Männer sich gegenseitig ihre Frauen in den Gesellschaften mit entblößten Brüsten und nackten Armen zuführen.

Ich meine nicht, daß die Frau ihr Gesicht verhüllen soll wie die Mohammedanerin. Das Gesicht soll niemand verstecken, aus dem Geist sprechen soll und das Herz.

Die Chinesinnen und Japanerinnen gehen seit Jahrhunderten schlicht und vornehm mit offenem Gesicht und schön frisiertem Kopf, ohne Hutaufputz, auf ihren Straßen umher und in ihrem Hause. Nur die Tänzerinnen und die öffentlichen Mädchen kleiden sich in schreiende Farben.

Da dieses Volk in seinen nördlichen Provinzen in ähnlichem Klima lebt wie wir, und wie wir bei Regen, Sonne und Schnee aufgewachsen ist, soll man nicht glauben, daß wir uns nicht auch an jenen Kleidertrachten ein Beispiel nehmen dürften. Denn jene Tracht der Chinesen und Japaner eignet sich auch für unsere europäischen Witterungsverhältnisse und ist für unsere Männer und Frauen nützlicher und zweckdienlicher, als die heutige europäische Tracht es ist.

Wer es nur einmal in seinem Leben versucht hat, ein japanisches oder chinesisches Kleid anzulegen, der wird den wunderbaren Genuß nicht vergessen können, den ihm diese schöne, vornehme, kleidsame, gesunde und behagliche Umhüllung bereitet hat.

Sowohl die Anzüge für die Männer als die Trachten für die Frauen sind in jenen Ländern für beide Geschlechter aufs Sinnvollste ausgedacht. Kein Druck eines Hakens oder Hornknopfes, keine Beengung und Ermüdung fühlt der Körper in dieser einfachen harmonischen und lebensfestlichen Gewandung. In diesen Hüllen bleibt der Mensch ein unbeengter Mensch.