Diese Kleider treiben den, der sie trägt, nicht an, mit sich selbst in eitlem Unfrieden, in eitler Wechselsucht und unnützer Unbequemlichkeit zu leben. Diese weiten Kleider in ihrer einfachen Schönheitslinie bedeuten, weil sie zweckmäßig sind, beim Tragen und Anlegen eine Kraftersparnis für den Körper und für das Leben eine Zeitersparnis.

Ich bin mir in Japan und China in meiner europäischen Kleidung, die beengend, ermüdend und von den Schneidern unfrei ausgetüftelt ist, mit ihren vielen Knöpfen und Knopflöchern, mit der unmännlichen Krawatte und den vielen anderen Unbequemlichkeiten, belastet und ungeheuerlich vorgekommen unter den schlicht und zweckmäßig, bequem und vornehm umhüllten Chinesen und Japanern. Ich erschien mir unfreudig und unsinnig gekleidet.

Wir belächelten bisher nur das Fremde an der aus der Fremde kommenden Tracht der Chinesen und Japaner. Aber wir versuchten niemals diese Trachten auf ihren Lebenssinn, auf ihre Bequemlichkeit, Sparsamkeit, Einfachheit und Zeitersparnis hin genau zu prüfen. Man könnte sehr wohl bei uns zur allgemeinen Erleichterung und zum allgemeinen Wohlbefinden sowohl jene Trachten der asiatischen Männer als die der asiatischen Frauen zur Grundlage für eine neue europäische Tracht annehmen und einführen.

Schnelle Zeitungsschreiber verbreiten bei uns fortgesetzt die Nachrichten, in Japan und China kleide sich jetzt die Bevölkerung europaähnlich. Dieses ist nur insoweit wahr, als es sich auf das Militär, auf die Beamtenwelt und die mit Europa verkehrenden Diplomaten bezieht. Das chinesische und japanische Volk aber, der chinesische Handwerkerstand und der Bauernstand, von denen Millionen in Japan und China leben, diese denken nie daran, ihre Kleidung, die ihre Urväter ihnen so bequem, gefällig, sparsam und zweckdienlich erdacht haben, aufzugeben.

Mein japanischer Reiseführer, ein gebildeter Japaner, trug europäische Kleidung. Aber wenn er abends das Hotel betrat, so vertauschte er gleich die ihn belästigende europäische Tracht mit seiner schönen unauffälligen, schlafrockartigen Gewandung.

Als ich ihn einmal fragte, warum er das tue, sagte er höflich: zum Billardspielen würde er auch zu Hause im Hotel die europäische Tracht anbehalten. Dazu sei sie sehr bequem, da der weite japanische Ärmel das Billardspielen erschweren würde. Aber sonst sei ihm die japanische Tracht bequemer.

Ich mußte lachen und ihm recht geben, wie ich in so vielem den Asiaten recht geben mußte, ihnen, die wir Europäer in unserem grünen Schuldünkel so oft mißverstehen und ungefühlt und ungerecht und unverständig beurteilen. —


Eines Abends bestiegen wir in Piräus ein Schiff, das uns in der Nacht durch die Schleusen des Isthmus von Korinth und durch die korinthische Meerenge am nächsten Morgen nach Itea bringen sollte. Itea ist eine Landungsstelle am Fuße der Bergmasse, auf welcher die Ruinenfelder des heiligen Delphi ausgebreitet liegen.