In dieser Nacht schlief ich nur wenige Stunden und träumte wachend, am Schiffsgeländer sitzend. Griechische und türkische Kaufleute, mit ihren Familien, hockten schlafend, in Mäntel und Decken eingewickelt, in der warmen Frühlingsnacht auf dem Verdeck. Von der friedlich schlummernden Menschenherde sah man im Mondschein nur Knäule, und das Schiff glitt mit den Schlafenden wie ein großes schwimmendes Bett durch das mondglänzende Wasser.

Ich saß am Schiffsgeländer und beobachtete unseren Weg, der, als der Schiffskörper in die hochgemauerten Schleusen kam, einer Fahrt durch gemauerte Kellerräume glich. Der Mond ging treu am Himmel über dem Schiffsmast mit, es war auch, als sänke er mit dem Schiff von Schleuse zu Schleuse tiefer.

Wie wissen die Neuzeitmenschen sich die Wege zu kürzen! Wie sind sie unglücklich von der Endlichkeit aller Wege durchdrungen! Tausende und tausende Jahre lang nahmen die Menschen das Leben breit, machten auch Umwege, weil sie immer am Anfang und Ende der Wege zugleich waren. Wir aber sehen heute nur das Ende aller Wege vor uns. Der Anfang ist abhanden gekommen, der Weganfang fehlt, der sich immer wieder dem Ende anschließt.

Eine Eintagsfliege lebt nicht kürzer als ein Mensch, der hundert Jahre alt wird. Die Fliege erlebt ihr Leben, das für die Form des kleinen Wesens so unendlich viel ist, wie es die hundert Jahre Menschenleben für die Form Mensch sind. Den Menschen fehlt das Köstlichste heute: die Zeitlosigkeit. Das Gefühl fehlt, das uns sagt, daß nicht bloß das Leben, nicht bloß das Vorwärtsrennen erlebt werden soll, sondern daß Lebensbetrachtung ebenso wie Tätigkeit ein Allestun bedeutet, wenn sie im Geist und im Herzen gepflegt wird.

Ein Europäer von heute braucht eine Zeitung, wenn er nicht arbeitet. Und wenn er die Zeitung fortlegt, braucht er einen Mund oder mehrere Münder, die ihn anreden. Und er braucht um sich Ohren, in die er wieder hineinredet. Und die Europäerin braucht Augen, die sie betrachten, umschwärmen, beneiden. Sie braucht auch auf dieselbe Weise ihre eigenen Augen.

Aber sich selbst brauchen wenige Europäer und wenige Europäerinnen. Und von der Allwelt sind sie überzeugt, daß mit ihr sich die Wissenschaft genügend beschäftigt; und von der Schönheit der Allwelt, von der Innigkeit des Allebens wissen sie, daß diese die Künstler beschäftigt, so wie sie wissen, daß die Schuster sich mit dem Leder und die Schreiner sich mit dem Holz beschäftigen.

Wenn die Europäer Stiefel anziehen oder Möbel hinstellen, tragen sie den Stiefel nicht an ihrer Person, sie lieben sich das Möbelstück nicht an wie ein Kind, das man adoptierte. Die neuen Stiefel sind für die anderen angezogen, die Möbel sind für die anderen hingestellt, so wie die Augen für die anderen da sind.

Sich selbst haben jene, die so tun, nie gefunden. Darum kann man nicht sagen, daß sie sich verloren haben. Nur die wenigsten von ihnen wissen heute, wer sie sind und was sie wollen. Sie wissen aber immer, was alle wollen.

Und sie verwechseln den Willen des anderen mit dem eigenen und halten die Wünsche der anderen für ihre eigenen. Sie hören nicht mehr mit ihren eigenen Ohren, sie redeten niemals mit ihrem eigenen Munde. Sie hören mit geliehenen Ohren, und mit geliehenem Mund reden sie.