Sie sind nur Schattenleben aller jener, die wie sie nur ein Schattenleben führen. So wie der Schatten hastiger dem Körper vorausgleitet, spurlos, bald rechts, bald links, bald vor, bald zurück, am Wege hinstreift, ohne eigentlich den Weg zu sehen, so sind die Herzen jener Europäer heute, die die Hast und die Eile lieben, wenn sie auf den Wegen, an den Dingen vorüberfliegend, achtlos hinflüchten.

Immer sind sie wie Menschen, die, statt vom Berg mit den Füßen herunterzugehen, statt das Land mit den Füßen zu fühlen, sich von den Bergen auf dem kürzesten Weg durch die Luft herunterstürzen. Die Eile, der kürzeste Weg, das ist ihr Lebenszweck. Und sie glauben ihr Leben zu bereichern, indem sie sich eilig mit Endlichkeitsgefühlen anfüllen und anpeitschen, da sie das Größte am Leben, das Wirklichste, das dem Menschen angeborene Unendlichkeitsgefühl, nicht als Wirklichkeit empfinden können.

Sie halten die Ewigkeit, die in uns ebenso wirklich liegt, wie sie in jeder Minute draußen das Weltall unbegrenzt macht, für eine billige Einbildung. Sie bedenken dabei aber, kurzsichtig, nicht, daß ihre Endlichkeit, ihre Wirklichkeit, erst recht eine Einbildung wird, sobald das Menschenleben nicht den unendlichen Widerhall in dem uns angeborenen Unendlichkeitsgefühl findet.

Aber bei der Jagd nach Eile erhält keine Gebärde, kein Erlebnis Widerhall und gibt kein Wesen dem anderen Wesen den Rahmen der Unendlichkeit. Statt einer Musik, statt einer Lebenshymne, die das Schicksal jedes Menschen, zusammengesetzt aus Leid- und Freudetönen, dem inneren Ohr, dem ewigen Ohr vorsingt; statt der ewigen Bilder, die dem inneren Auge, dem ewigen Auge, des Menschen sich täglich hinmalen wollen, bleibt dem Eiligen nur ein Tonlärm und ein Farbenfleckengefühl im Sinn.

Die Menschen von heute haben die Lebensruhe eingebüßt, die jedem Menschen die Erkenntnis gibt, daß er im Innersten zugleich Herr und Diener der Schöpfung ist. Die Lebensruhe hat sich in eine Lebensflucht verwandelt, und die meisten fühlen sich deshalb nur als Lebensknechte.

Einige glauben ihr Ich erst nach dem Tode in einem Himmel oder in einer Hölle wiederzufinden, in einer ausgedachten Peinlichkeit oder in einer erdachten Überschwenglichkeit, für die das Weltalleben keinen Raum hat, und die ein weises Weltschöpfertum nie ausklügelt.

Oder die, die sich aufgeklärt vorkommen, erwarten, daß sie nach dem Tode spurlos verschwinden. Und sie werden spurlos verschwinden, da sie nie waren. Denn ihr Schattenleben ist noch kein Leben gewesen. Und sie waren nur fliegende, hastige, fahrige Schatten auf Erden. Sie erkennen dieses selbst, da sie finden, daß sie spurlos verschwinden werden.

Diese Leben sind so verschieden von wirklichen Menschenleben, wie die Zuckungen eines toten elektrisierten Frosches verschieden sind von den Bewegungen eines lebendigen. Die hastigen Zuckungen der Eile jener Gehirne geben jenen Menschen kein herzliches Leben, und es gehen von ihnen auch keine herzlichen warmen Lebenswirkungen aus.

Nur durch Sichzeitnehmen, nur durch das Verweilenkönnen, durch das zeitlose Sichvertiefenkönnen, nur durch geduldiges Umwegemachenkönnen gelangt der Mensch zu seinen innersten Augen, zu seinen innersten Ohren, zu seinem innersten Mund und auch zu seinen innersten Händen.