Aufnehmen und Wirken geschieht dann im Rahmen zeitloser Ruhe, im Rahmen der dem Menschen angeborenen innersten Ewigkeit. Jede andere Art zu leben, erzeugt gekünsteltes Dasein. Warmblütiges Leben will Weile, Geduld und Vertiefung.
Ein Mensch, der zu langsam ist, der wird nicht soviel Schaden unter den Menschen anstiften als der Mensch, der zu schnell ist.
Betrachtet die Ruhe, die in jedem Kinde wohnt. Wenn der Erwachsene ein Kind nicht erschreckt durch ungeduldiges Antreiben zur Eile, und das Kind noch nicht verdorben ist durch die verderbliche Eilelust der heutigen Menschen, so handelt jedes Kind aus der Weltunergründlichkeit heraus, ruhig vornehm, bedächtig, sich Zeit lassend.
So wie ein würdiger Greis, der zur Weisheit und zum weisen Rückblick des Lebens gelangt ist, Ruhe verbreitet, trägt jedes Kind in sich ein weises stilles Vorwärtsschauen, das sich nicht anders ausdrücken kann als durch Ruhe. Ruhe, die ergründen will und die mit vorsichtigen Tastversuchen zu den ewigen Lebensregeln kommen will, die das Kind innerlich unbewußt als richtig erkennt. Zu diesem Erkennen will jedes Kind seinen noch ungelenken Körper und das noch ungelenke Gehirn mit Ruhe hinführen; sobald es nicht durch Eile und Antrieb verwirrt wird, gelingt jedem in Ruhe geleiteten Kinde die Lebenserkenntnis von selbst.
Immer habe ich gefunden, daß die Schulknaben mehr innere Ruhe und dadurch mehr innere Weisheit besaßen, mehr innere Klugheit als der vom heutigen Leben ungeduldig gemachte, gepeitschte und in seinem Innenleben bereits zerrüttete Lehrer.
Darin besteht die Heiligkeit der Jugend, daß sie noch ein unzerrüttetes Innenleben kennt, das noch nicht schattenhaft geworden ist, wie das Innenleben der Erwachsenen es heute ist. Ich glaube, innerlich können die jetzigen erwachsenen Menschen, die durch den Wahlspruch: Zeit ist Geld und Geld ist Leben, innerlich kurzsichtig und innerlich schwerhörig geworden sind, von den Kindern leichter tiefer sehen und tiefer hören lernen als von ihren eigenen, bereits verdorbenen Augen und Ohren.
Und wie die Ruhe des Kindes aus des Menschen Urkraft kommt, so ist die Ruhe des echten Künstlers aller Zeiten gewesen. Und wie die Ruhe dieser beiden ist die Ruhe der Tiere, ist die Ruhe der Pflanzen, ist die Ruhe aller Weltalleben einem ewigen Weisheitszustand unergründlich angeschlossen. Diesen natürlichen Weisheitszustand verjagt sich der heutige, hastige, nach Zeit und Wegabkürzung und Endlichkeit gierige Europäer. —
Das griechische Volk, das eine so große und edle Vergangenheit hat, hat zwischen Athen und Sparta im Peloponnes, also um den Isthmus von Korinth, seinen Handel jahrhundertelang walten lassen, und seine Schiffahrt bedurfte nicht der Schleusen und des Durchschneidens einer Landenge. Dieses Künstlervolk lebte festlich in Göttermenschenlust und nahm sich Zeit zu seiner Festlichkeit. Den Griechen war ein rascher kluger Blick eigen, ein rasches lebendiges Handeln, aber keine jämmerliche überstürzte Eile. Keine jämmerliche, nervenzerrüttende Lebensjagd störte das große Volk in seiner künstlerischen Hoheitszeit beim Weltallfest. Darum, weil es Zeit zum künstlerischen Genießen hatte, hatte es sich auch in Delphi und in Olympia große Festplätze geschaffen, dieses kleine unsterbliche Volk.
Am frühen Morgen, als das Schiff kurz vor Sonnenaufgang im schattigen Wasser an der Küste entlangglitt, stand das Parnaßgebirge, mit silbrigem Schneeglanz am Gipfel, morgengrau in der frischen Aprilluft. Auf diese Berge hatte ich die lange Nacht gewartet. Hier hatten die griechischen Dichter den Sitz des Dichtergottes Apollo und den Sitz der Freundinnen der Künstler, der neun Musen, hingeträumt. Und was die Künstler träumten, das glaubte ehemals ihr Volk, und es träumte es nicht bloß nach, sondern es lebte es nach. —