Der heilige Ort Delphi liegt auf der halben Berghöhe, den Blick gerichtet zum Musensitz, den Blick gerichtet zum Parnassos, zum Sitz des Dichtergottes.

In Itea, wo morgens das Schiff landete, fanden wir Maultiere und einen Führer. Und wir ritten durch den kleinen Ort, der, weltverloren, vergessen und unberührt, von keinem Reisenden besucht werden würde, wenn nicht die Anziehung der großen Reste großer Künstlerträume, die Anziehung der Ruinen Delphis, einzelne Freunde Griechenlands nach Itea bringen würde.

Außer kleinen Eidechsen am Wege und Ölbaumanpflanzungen begegneten wir, im Morgen hinreitend, nichts als Steinen. Das Klettern unserer bepackten Maultiere schien kein Ende zu nehmen. Und der alte graubärtige Führer, der den Weg in allen seinen Lebensjahren hier geklettert war, hatte uns Fremden nichts zu sagen und auch nicht seinen Tieren, die er nur mit einem Zungenschnalzen manchmal aufmunterte.

So ritten wir denn in diesem Schweigen, das zwanglos und natürlich war, nicht bloß den Berg hinauf, sondern wir kamen mit den hufeklappernden Tieren und mit dem verwitterten Alten unmerklich in die Jahrhunderte zurück. In den zwei, drei Stunden, die der Ritt beanspruchte, legten wir die Wegstrecke von zwei- bis dreitausend Jahren zurück, mühelos und einfach.

Auf der breiten gepflasterten heiligen Wallfahrtsstraße, am Bergabhang, bei Felsblöcken vorbei, bei Aprilwolken, die unter uns hinschwebten, waren wir dann, als das neue Dorf Kastri oben mit unscheinbaren Hütten auftauchte, längst nicht mehr in unserem Zeitalter. Und in der dünnen Bergluft schien das Blut in uns zarter und war in den Adern mehr Lebensgeist geworden als Lebensblut.

Am Wege sahen wir einige Schachte in den Felsen. „Felsengräber,“ sagte der Führer. Und er zog aus seiner Tasche einen kleinen Ring aus Eisenbronze, der mit Plattgold vergoldet war. Es war ein Fingerring, den er in einem Grabe dort gefunden hatte.

Wer hatte ihn getragen? Ein Apollopriester? Oder eine der liedersingenden Frauen im Dienste des Gottes der Dichtung?

Ich kaufte dem Alten den Ring ab. Ein zweitausendjähriges Körperchen war in meine Hand gekommen, auf dem weiten Wege der Vergangenheit eine erste körperliche Begegnung mit der Vergangenheit. Und ich sah das alte Ringlein als einen Willkommgruß Delphis an.

Das Bergdorf Kastri, das da oben liegt, war erst kürzlich, vor einigen Jahren, aufgebaut worden. Die Leute hatten früher auf entfernteren Felsen gewohnt, auf den grün umwachsenen Schutthügeln, unter denen das von verschiedentlichen Erdbeben und Bergstürzen zerstörte und verschüttete alte Delphi gelegen, ehe man die Ausgrabungen begonnen.

Wir hatten eine Empfehlung an den griechischen Vorsteher der Ausgrabungsarbeiten. In seinem Hause bekamen wir dann gegen Bezahlung Wohnung und Beköstigung wie in einem Gasthaus. Er führte uns am Nachmittag zum neuen Dorf hinaus auf der breiten heiligen Straße hin, die früher mit Tausenden von Bildsäulen geschmückt war. Die Kunstwerke waren dann von den römischen Kaisern geraubt und nach Rom und nach Byzanz fortgeschafft worden.