Nach einem Weg von zehn Minuten kamen wir an einen gewaltigen, sanft ansteigenden Berghang, und vor uns lag auf der ansteigenden Ebene, unterhalb einer mächtigen Bergwand, das neuausgegrabene ungeheure Trümmerfeld der vielen delphischen Tempelruinen. Da lagen auch aufgedeckt und gut erhalten mit ihren ansteigenden Sitzreihen die Amphitheater. Da standen noch die weißen marmornen Sessel der delphischen Priesterinnen im Theater; sie waren mit feinen weißen Löwenklauen und mit feinen kleinen Löwenköpfen geschmückt.
Der Rundtempel, in welchem die Pythia, auf dem Dreifuß sitzend, in tiefer Betäubung übersinnliche Gesichte hatte und Orakelworte sprach, war eingestürzt wie die anderen Tempel. Aber in der Mitte des guterhaltenen Tempelrundsteines starrte noch der rötliche Felsenstein aus dem weißen Marmorrund. Und da waren noch die Erdspalten phosphorgrün, aus welchen einst die Schwefeldämpfe gestiegen, die die Priesterin in den Götterschlaf versetzt hatten.
Und viele Dinge, die ich längst vergessen hatte, waren wie selbstverständlich dort noch am Leben. Da war auch noch die eisige heilige Quelle, und ihr Eishauch, aus der Felswand kommend, war noch wie vor Tausenden von Jahren belebend, und das Quellwasser tropfte auf die Steine wie flüssiger Kristall.
Da war, gut erhalten, das große Stadion, viele hundert Fuß lang, mit den Sitzreihen am Berg an der Felswand hingedehnt.
Wie muß es hier einst den jungen Kämpfern hochgemut zu Sinn gewesen sein, wenn sie mit gepflegtem Körper und gepflegtem Geist, mit leiblichem und geistigem Mut den Lorbeer Apollos errungen haben. —
Von der Höhe des Stadions hat man bergabwärts einen vollständigen Überblick über das ungeheure, von silbrig weißen und bläulich grauen Steinmassen dicht bedeckte Trümmerfeld, welches vom alten Delphi einen immer noch gewaltigen Eindruck gibt.
Man stelle sich im bayerischen Gebirge, vielleicht bei Partenkirchen oder Mittenwald, auf einer mehrere Kilometer großen, hoch gelegenen Bergmatte eine eingestürzte Tempel- und Theaterwelt vor. Nirgends sind Städte oder Dörfer rund um diese Bergeinsamkeit sichtbar, nur die Wolken des Himmels steigen aus den Schluchten auf, am Rande dieser verlassenen Trümmerwelt.
So einsam, weltentrückt liegt Delphi. Nur aus einem Taleinschnitt blinkt in der Tiefe, wie eine große Silberbarre, ein Stück des Meeres aus den Abgründen herauf. Vor den fernen und vor den nahen Bergen stehen Wolken wie weiße Marmorrampen und lassen über sich neue Berghöhen im Himmel erscheinen. Höhen, die, von der Erde durch Wolkenfelder abgeschnitten, im Sonnenhimmel wie Erdinseln schweben. Aber die Stufen der Luftrampen der Wolken verschieben sich langsam, und die Nähe verschwindet, und neue, unsichtbar gewesene Berge enthüllen sich, wie herbeigetragen auf neuen Wolkenfeldern. Unmögliches und Wirkliches arbeitet in der Höhe um Delphi vor dem Menschenauge. Erdstreifen werden zu Himmeln, und Luftreiche werden Erdreiche.
Aus dem großen Bergschlund, in welchen die Delphimatte am Rande des Ruinenfeldes, zwischen Ölbaumwäldern, Kastanien, Platanen, Eichen und Birken abstürzt, aus diesem dunkelgrünen Abgrundkessel ziehen die Wolken in Ballen wie ein gärender Urschaum weiß aus dem Talschlund.
Diesen Abgrund nannten die Griechen einst den Nabel der Erde. Hier, sagten sie, hing einst die Erde bei ihrer Geburt mit dem Mutterleib des Himmels eng zusammen, und hier am Rande des Nabels der Erde war deshalb den Menschen das Mutterweltall näher als irgendwo auf der Erde.