Ich konnte mir beim Anblick der sich immer verwandelnden, die Berge verzaubernden und die Berge erscheinen lassenden dampfenden Wolkenwelt gut vorstellen, daß hier das Volk sich einst fortgerückt fühlte, und daß es sich bei den Wolkenstufen fernen Leben, fernen Zukunftsdingen nahefühlen mußte.
Denn das auf- und niederwogende Wolkenheer, in welchem unsichtbare Hände zu arbeiten scheinen, wie Hände von tausend Künstlern, die da im Himmel Heerscharen von schimmernden Kunstwerken gestalten, dieses immer arbeitende Gewölk um Delphi entzückte die phantasievollen Griechen so sehr, daß sie weiße Massen Marmor über Marmor jahrelang herbeischleppten, und daß sie silberweiße Tempel und Schatzhäuser und silberweiße Amphitheater und die silberweiß gepflasterte, breite, heilige Straße auf dem Meilenfeld des Bergabhangs wie ein weißes Wolkenfeld entstehen ließen.
Nur die Erdbeben und die herabstürzenden Bergwände und die Raubgier fremder Eroberer konnten die ragenden, weißen Tempel und diese leuchtenden Tempelstraßen in ein Trümmerfeld verwandeln, das jetzt hell aufgelöst vor mir lag wie ein Bergnebel, der sich verflüchten wollte.
Ich fand da Säulenreihen, die sahen von der Höhe des Stadions wie Reihen hingezählter Mühlsteine aus. Denn die Säulen jener Tempel waren nicht aus einem langen Stein gebildet, sondern aus Rundsteinen, die, ähnlich wie Münzen aufgebrochener Geldrollen, jetzt nach dem Umstürzen auseinandergerollt waren. Säulen, die zwei Männer kaum umfassen könnten, lagen zu Dutzenden auf den Treppen und auf den entblößten, noch schön geglätteten Steinfußböden der einstigen Tempelhallen.
Der Glaube an den Gott der Dichtung, an Apollo und an die neun Musen hatte hier Tausende von Händen von Geschlecht zu Geschlecht bei atemloser Arbeit rege gehalten. Der Glaube an die Notwendigkeit der Dichtungskraft, Glaube an die menschenfreundlichste Kunst und an die erhebendste Lust schuf diese Marmorbauten.
Keinem anderen Gotte als dem der Dichtkunst hatte man in dem griechischen Lande eine so mächtige Stätte bereitet, eine Stätte weltfern und himmelnah, bei den Füßen der Wolken, bei den Füßen der Sonne, bei den Wangen des Äthers und beim Nabel der Erde.
Herrlicher als alle Tempel und Theater, herrlicher als die dreißigtausend Bildsäulen, die Delphi geschmückt haben sollen, war hier in Delphi auf der Berghöhe für die Menschen die Himmelsnähe gewesen, und die Erdtiefe, die sich ins Unbegrenzte, ins innere und äußere Leben der Welt, dem Menschenherzen zu öffnen schienen.
Diese Bergmatte, die zweitausend Fuß über dem Meere liegt und hinter der das Parnaßgebirge noch viele tausend Fuß höher mit senkrechten Bergwänden ansteigt, sie horcht wie eine gewaltige Muschel zum Himmel, als horche hier ein ungeheures Ohr zu den fernen Planeten und Sonnen.
Die nahe graue Silbermasse des getürmten Parnaßgebirges konnte den Gebeten und den Inbrünsten der Pilger ein inneres Echo geben. Diese sonnenbeleuchtete hohe Gesteinwelt führte den Blick zu überirdischen Festigkeiten und gab den Herzen der Delphiwallfahrer Vertrauen auf die jedem Leben eigenen überirdischen Kräfte.