Das Menschenherz, das auf der Höhe in Delphi schneller schlug und in der klaren Luft leichter atmete, kam sich unbebürdet vor und war, den Verwandlungen der Wolken nachträumend, eigenen Verwandlungen, Kräftigungen und Lebensstärkungen leichter zugänglich.
Und die Augen der Menschen, die einst hier zwischen tausend marmornen Kunstwerken wandeln durften, und die Ohren, die die feierliche Musik der Apollohymne — deren Text man, auf Steinen eingegraben, vor kurzem erst wiedergefunden hatte — genießen durften, diese Augen und Ohren fühlten sich unwillkürlich glücklich. Frieden und Schönheit, von Künstlern geschaffen, walteten einst hier und wurden vom Landschaftshintergrund ins Unendliche gesteigert.
Die Wanderer, die einst auf den heiligen Tempelstraßen von Unwirklichkeit erfüllt und erschüttert wurden, stärkten hier beim Sitz der neun Musen ihr Herz, das mit Sorgen der Endlichkeit gekommen war. Und von Apollo verwandelt und verwandelt von der Hoheit der neun Kunstfreundinnen, kamen die Menschen zurück von Delphi, als stiegen sie verjüngt und bürdelos vom Himmel nieder zu ihren Menschengeschäften zurück.
So können Kunst und Natur gewaltig trostreich und lebensbestärkend Menschen und ganze Völker innerlich erhöhen.
In einem Schuppen sah ich auch den kegelförmigen Marmorblock, der den Nabel der Erde darstellte und der in einem Tempelinnern gestanden. Dieser fast mannshohe Block war schön geglättet und zugespitzt, und rundum befanden sich in seinen Marmor eingemeißelt Vögel, Blumen, Trauben, die fröhlichsten Dinge, die, von der Erde erzeugt, dem Menschenherzen Genuß bereiten.
Mein Reisegefährte und ich, wir waren im Jahr 1898 zwei der wenigen Deutschen, die das neuausgegrabene Delphi zu sehen bekamen. Wir durften aber mit unseren Taschenapparaten noch nichts photographieren und keine Zeichnungen in unsere Skizzenbücher machen. Alles das war untersagt. Am ersten Tag hatte uns der Leiter der noch nicht beendeten Ausgrabungen selbst durch die Ruinen geführt.
An den anderen Tagen, als wir das Ruinenfeld allein besuchten, folgten uns griechische Soldaten, die jeden Fremden als Wache begleiten und streng darauf achten mußten, daß nicht photographiert und nicht gezeichnet wurde. Die Franzosen, die das Geld zu den Ausgrabungen gegeben hatten, und die das alleinige Grundrecht über die Ruinenfelder noch einige Jahre besaßen, ließen damals Fremde nur ungern zur Besichtigung zu. Sie wollten zuerst die ersten Berichte über das neu ans Tageslicht zurückgekehrte Delphi herausgegeben haben. —
In der Nacht in Delphi lag ich auf meinem Kopfkissen mit offenen Augen fast ununterbrochen wach und starrte zu dem weit offenen Fenster meines Zimmers hinaus, wo der Mond wie ein goldener Gott im Himmel saß und die Wolkenfelder, die zu ihm heraufzogen, wie weißen Ton in große Formen zu kneten schien, und der dann diese Bilder zerbrach und zerstreute und unaufhörlich wieder neue Wolkenbilder auftürmte.
Es war heute nicht anders als in den Mondnächten vor zweitausend Jahren, da die Priester und die Pilger zu dem Mond geschaut haben mögen, der da über dem Weltschlund, über dem Nabel der Erde schwebte wie ein Gedanke, der aus der Unergründlichkeit glänzend auftaucht und leuchtet.