Mein Reisegefährte hatte mich am Abend gefragt, ob ich mir hier bei Delphi ein Bauernhaus im Dorfe Kastri bauen oder mieten wollte. Ich hatte nicht gewußt, was ich antworten sollte. Innerlich war ich ergriffen von der Landschaftsherrlichkeit, aber zugleich auch erschüttert von der Fremdheit.
Und als ich jetzt in der Nacht schlaflos und überlegend in die wühlenden Wolkengebilde sah, die draußen wie eine Wolkenvölkerwanderung über den finsteren Bergtälern bald senkrecht zum Mond aufstiegen, bald seitlich vom Mond fortflüchteten, da wurde ich von einem Weinkrampf geschüttelt.
Ich grämte mich, weil ich nicht wußte, wo ich mich niederlassen sollte. Ich war todunglücklich, weil ich auch hier an dem weihevollsten Ort Griechenlands, bei dem Gedanken des immer Bleibensollens auf dieser weltfernen Berghöhe, bei einer toten gestürzten Säulenwelt, bei den Resten einer toten gestürzten Idealwelt, mir heimatlos vorkam.
Es war mir, als wenn ich mir zugemutet hätte, ich sollte mein Haus mitten in einen fremden Friedhof zwischen Grabsteine hinstellen und dort mit meiner Frau dann Liebe und Dichtung pflegen.
Hier in Delphi waren zwar keine äußeren Schrecken wie in Mexiko. Hier waren herrliche Vergangenheitsträume. Hier waren keine Räuber wie in Mexiko, keine goldgierigen. Aber die Vergangenheit war hier gegen mich räuberhaft. Gegen die Größe und die Hoheit der ungeheuren griechischen Traumreste, gegen das Geschaffene, das hier bereits aus dem Erdboden alle Kräfte gezogen hatte, hätte ich hier stündlich ankämpfen müssen, dabei hätte ich aber nicht Frieden finden können für mich selbst, nicht Frieden und Kräfte für neue Wege.
Es war hier, als sollte ich in den Grüften bei den Särgen großer Ahnherren frische Luft suchen. Die Erinnerungen waren hier zu stolz und zu selbstherrlich. Der Stolz und die Herrlichkeit jener künstlerischen Ahnen unserer heutigen europäischen Kunstwelt beklemmten mir die Luft und die Lebenslust meiner Gegenwart und meiner Zukunft. Meine Gedanken wollten auf diesen Wegen hier nichts vom Morgen und nichts vom Werdenden und Zukünftigen wissen. Sie wurden immer zurückgerollt statt vorwärts, und sie weilten in verklärter tausendjähriger Vergangenheit und befanden sich dort wie in einem hypnotischen Zustand.
Ich war verzweifelt, da ich einsah, wenn Delphi mich nicht zum Bleiben locken könne, dann würde mich wahrscheinlich kein anderer Platz in Griechenland zum Niederlassen locken.
Der künstlerische Lebensernst, der einst hier gelebt hatte, gab mir aus den delphischen Ruinen deutlich eine Offenbarung: nur in deiner engsten Heimat wirst du künstlerische Kraft finden! Nicht im Auswandern, sondern im Heimkehren liegt dein Heil! —
Und als der Morgen kam und meine verzweifelte Gedankenwelt in meiner Stirnhöhle stiller wurde, so wie der Wirbel von Hell und Dunkel da draußen im Wolkenhimmel stiller wurde, sagte ich mir: ich will jetzt nur noch nach Arkadien auf die andere Seite des korinthischen Meeres hinüberreisen. Vielleicht finde ich dort in einer schönen Landschaft, wo keine Ruinen den Geist ablenken, ein Landhäuschen, wie ich es mir immer, in ländlicher Stille fern von der Kultur, erträumt habe.
Nach jener durchkämpften Nacht konnte ich dann zu meinem Reisegefährten sagen, daß ich nicht in Delphi bleiben könne, und daß ich mich nicht weiter mit der Hausfrage und Niederlassungsfrage hier in Delphi abgeben wolle.