Den ganzen Tag vorher hatte ich immer beim Wandern durch die Tempel meinen Reisezweck aus dem Auge verloren, und nur als wir abends die Ruinen verlassen hatten und ins Dorf Kastri zurückgekehrt waren, hatte ich mich wieder an den eigentlichen Sinn meiner griechischen Wanderung von meinem Reisekameraden erinnern lassen müssen. Dann erst, durch das Erinnern, war im Abend Unruhe über mich gekommen: für welchen Erdenfleck soll ich mich entscheiden? Soll ich wirklich meine Heimat hier in Delphi aufschlagen? — Nun aber nach der gedankenstürmischen wachen Nacht wußte ich, daß ich weiterreisen und weitersuchen wollte.

So hatte ich auch bereits in Athen mit mir viele Selbstgespräche geführt. Denn jeden Schritt, den ich in Griechenland bisher getan, tat ich nicht wie ein Vergnügungsreisender, sondern immer wie ein Auswanderer, der heimatlos eine Heimat sucht.

Ich beneidete oft meinen Reisegefährten, der neben mir sorglos und frühlingsfröhlich eine schöne Studien- und Vergnügungsreise machte, während ich, voll Enttäuschungen von Mexiko kommend, die ernsten Gedanken um meine Lebenssorge und die Sehnsuchtsgedanken nach meiner Frau immer zwischen den Zähnen zerbiß, als kaute ich an einer bitteren Wurzel, die ich verschlucken sollte und nicht verschlucken konnte. —

Wie wir wieder auf den Maultieren hinunterreiten sollten nach Itea, war mir nach kurzer Strecke das Sitzen auf dem bepackten Tier, das mühselig und vorsichtig abwärts stieg, zu langweilig. Ich sprang ab und lief voraus über das vieltausendjährige Pflaster der heiligen Straße. Es war mir dann, als lachten meine Schritte fröhlich, weil ich nicht oben in Delphi bei dem alten Ruinenfeld geblieben war, und weil ich nicht mehr daran dachte, mich in jener Fremde niederzulassen.

Und die riesigen alten Quaderplatten der Straße, über die vielleicht einmal Homer nach Delphi gewandelt war, und die unter seinen Schritten geklungen hatten damals, wie heute unter unseren Schritten, besprachen sich mit meinem Herzen, während ich eilig bergabwärts schritt.

„Deine Füße sind nicht hier gewachsen und nicht dein Leib,“ sagten die Steine der heiligen Straße zu mir. „Darum wird auch das Brot des Landes deinen Hunger nicht sättigen können, und das Wasser des Landes wird deinen Durst nicht löschen können, und die Luft des Landes wird dir keine Ruhe bringen können, dir Fremden. Männer erstarken nur im Lande ihrer Väter. Sie sollen mutig wandern, aber der Weg des Mannes soll von der Heimat zur Heimat zurückführen.“

„Ihr Steine habt recht,“ sagte mein Herz. „Ihr fühlt zart und fein wie nur warmes Blut fühlt, und ihr redet wahr und aufrichtig wie nur gutes Blut redet.“

„Dann soll auch diese Reise umsonst sein?“ schrie mein Verstand dazwischen. Und es war mir, als gäbe mir der Schreier einen unsichtbaren Schlag ins Gesicht, so daß ich rot und blaß vor Scham wurde. „Soll dein Geld unnütz verreist sein? Sollen dich deine Freunde für einen Narren erklären? Nein, wir kehren nicht um! Blut und Herz sind immer weichlich unverständlich. Wir müssen hier in diesem Lande jetzt ein Haus finden. Haben nicht Tausende die Heimat verlassen? Der Verstand eines Menschen von heute darf nicht heimatsehnsüchtig empfindsam sein. Ich bin härter als ihr alten Steine. Und diese Füße sollen vorläufig noch nicht daran denken, zur Heimat zurückzulaufen.“

„O unheiliger Verstand von heute!“ rief es aus den Pflastersteinen der heiligen Straße. Und mein Herz schwieg verschüchtert.