Damit wir den neun, unaufhörlich redenden Frauenzungen nicht preisgegeben wären, unterhielten wir uns, am anderen Ende des Tisches sitzend, in raschem pariser Französisch. Ich muß aber gestehen, auch dabei war wieder nur mein Verstand Tyrann über mich. Mein Herz wimmerte und lechzte nach den deutschen Heimatlauten, die vom anderen Ende des Zimmers kamen. Und ich wäre gern zu den neun alten Damen hingerückt, wenn auch ihre Zungen unausgesetzt wie Strickstrumpfnadeln bei der Sprecharbeit klapperten.
Ich war schon ganz müde von dem Suchen in der Fremde nach einem Haus. Meine Ohren horchten darum entzückt auf deutsche Frauenworte. Ich hatte deutsche Frauen seit der raschen Reise nach Petersburg, seit dem kurzen Aufenthalt am Berliner Bahnhof Friedrichstraße, seit dem Begräbnis meines Vaters und seit der Rückkehr von Mexiko, nun fast ein Jahr lang, nicht mehr unverfälscht sprechen hören.
Als wir am nächsten Morgen früh um drei Uhr in Olympia vom Hotel fortritten, vom Führer begleitet, um tief in den Peloponnes hineinzuwandern, tat es mir leid, daß die neun Professorenfrauen noch schliefen und ich nicht mehr zum Abschied die neun deutschen Frauenstimmen hören durfte, die zwar so gar nicht zu der griechischen olympischen Stimmung der Tempelruinen hingehörten, die aber meinem Herzen ein wenig den Heimathunger und den Heimatdurst besänftigt hatten.
Es war in der ersten Hälfte des April, als wir durch den Peloponnes ritten. Aber außer den unzähligen Anemonen, deren es feuerblaue, rosenrote, rosige und schneeweiße gab, fanden sich im jungen Gras der kühlen Wiesen noch keine anderen Blumen. Diese farbigen Anemonen, deren schwarze Staubfädengruppe aus der hellen Blütenkrone wie eine dunkle große Pupille in einem Auge aufsah, betrachteten uns von allen Wegen in dem Peloponnes, auf den Berghöhen und im Talgrün.
Diese jungen Anemonenblumen, die vielleicht erst eine Woche alt waren und vielleicht nach einer dritten Woche schon verblüht sein würden, hatten einen unergründlichen Festblick und beleuchteten mit ihrer kurzen Lebensfreude die mühseligsten Höhen, die unsere Bergpferde erklettern mußten. Mir schien aber, die jungen Blumen kannten alle Freuden der Welt. Sie freuten sich in ihrem dreiwochenkurzen Leben mehr, als die Menschen sich in einem hundertjährigen Dasein freuen können.
Den Blicken dieser frohen Anemonen verdanke ich es, daß ich nicht in bittere Verzweiflung über mich selbst geriet. Denn mein Auge wurde immer salzig, wenn ich an meine ferne Frau dachte, die so weit von mir fort, in Schweden, am äußersten Ende Europas, im Norden weilte, während ich hier am äußersten Ende Europas, im Süden, auf einem Pferd kaum auf der Erde ritt. Denn der Boden unter den Hufen des Tieres, das mich trug, gehörte kaum noch der Gegenwart an. Er war das verschollene Vaterland eines untergegangenen großen Volkes.
Ich ritt hier nicht im April im Jahr 1897. Ich ritt hier im April eines Jahres, das Hunderte von Jahren vor Christi Geburt vor mir blühte. Auf den Wegen erzählten die wochenjungen Anemonen von den Augen der jungen Griechen und Griechinnen, die einst in jedem vierten Jahr von allen Teilen des Peloponnes, im Festjahr und zu den Kampfspielen, nach Olympia gezogen waren.
Die Urmutter Erde gibt alle ihre Erinnerungen ihren Blumen am Wege mit. Und der Himmel, unter dem sich die Blumen für ein kurzes Hochzeitsfest erschlossen haben, das ihnen Geburts-, Liebes- und Todesfest zugleich ist, bestätigt die Erinnerungen, die der Himmel mit der Erde austauscht. Nichts ist vergessen, was da, an die Erde antönend, vorübergewandelt ist, auch nicht der Blick eines Auges, der eine Blume am Boden streifte. Alles lebt ewig im All, unversunken und erwachend, wenn es sich gerufen fühlt.
So wie die Graswege jetzt hier unter hohen Ahornhainen, unter schönen hochgeschwungenen Platanen, bei blendendweißen stattlichen Birkenstämmen, mit den vielfarbigen Scharen der Anemonen bevölkert waren, so war auch der Weg selbst nicht einsam. Überall kamen unserem Geist die Geister fröhlich wandernder Griechen aus der Vergangenheit entgegen. Menschenleer war die Landschaft, aber hoheitsvoll seelenbevölkert.
Ein paarmal kamen wir an echt arkadischen Wiesen und Quellen vorüber. Da war eine Quelle, die sprang als mannsdicker Silberstrahl von einem kleinen haushohen Hügel in weitem Bogen und freiem Sprung von grüner Höhe auf die blumenbedeckte Wiese. Dieser köstliche Wasserstrahl kam erquickend und lebendig in die weiche Wiesenstille, und es würde uns nicht verwundert haben, wenn hier bei der Quelle und den Blumen Quellnymphen und Baumnymphen sich aus dem Gras erhoben hätten und in rhythmischen Tanzreigen unter dem arkadischen Frühlingsblau vorübergezogen wären.