Am Wege trafen wir selten ein Haus. Aber wenn wir zu einem der kleinen weißgekalkten Bauernhäuschen kamen, herrschte dort ideale Armut und patriarchalische Einfachheit. Der Hausherr, ein schlichtgekleideter Landmann, verbeugte sich unter der Tür. Er konnte uns kein Mahl bieten, auch nicht für Geld, denn er selbst lebte nur von Brot und Milch und getrockneten Feigen.
Ein Gläschen wasserfarbener Mastichabranntwein war alles, was wir kaufen konnten. Aber wir hatten Brot und Feigen, etwas Schinken und kaltes Huhn von Olympia in den Reisetaschen mitgenommen; wir saßen vor dem Hause nieder unter den hohen glitzernden bauschigen Silberpappeln am grasigen Wegrand und dachten selbst kaum daran, das wenige zu essen, das wir bei uns hatten.
Denn die kräuterduftende Luft hier, die Luft aus den grünen Bäumen und die Luft aus der kühlen Frühlingserde und aus dem kühlen Frühlingsgras erquickte uns festlich das Herz, und wer von dieser Luft kostete, kam sich frisch genährt vor. Diese Luft ließ im Magen keinen Hunger aufkommen.
Niemals bin ich wieder tagelang so anstrengend gereist, und niemals habe ich tagelang so wenig Nahrung zu mir nehmen müssen. Und am Abend jener Tage war ich nicht müde. Es war, als würden wir hier vom Himmel unsichtbar mit Nektar und Ambrosia genährt.
Einmal ließen wir uns abends in einer Hirtenhütte, wo wir die Pferde eingestellt hatten und wo wir übernachten sollten, ein Huhn auftischen. Der Hirte briet es uns am Spieß über einem kleinen offenen Feuer, das auf einem Stein am gestampften Erdfußboden brannte. An dem mageren Huhn war aber nichts zu essen. Es hatte nur Knochenröhren und am Feuer gedörrte Stoppelhaut zu bieten. Doch war ich von den wenigen Bissen schon übersatt. Es war, als nährte einen schon der Geruch des Feuers, der an dem dürren Huhn haftete.
Auf dem ganzen Ritt durch den Peloponnes fanden wir bis Kalamata kein europäisches Gasthaus. In der ersten Nacht kamen wir in ein Bergnest, das an einem abschüssigen Gebirgshang mühsam von unseren Pferden erklettert wurde. In der Abenddämmerung, als schon die Sonne untergegangen war, erklommen wir das wilde verwahrloste Bergstädtchen, zu welchem sich selten ein Reisender verirrte. Der Ort hieß Andritzina.
Ein paar Stunden vorher hatten wir auf einer anderen kahlen Höhe, bei einem einzelnstehenden Haus, ein Glas Wein kaufen können. Und wie wir noch dort vor der Haustüre auf- und abstampften, um die im unbequemen Holzsattel taub gewordenen Beine lebendig zu machen, kam ein Reiter, ein düsterer Kerl, auf bepacktem Pferd und stieg gleichfalls vor jener einsamen Haustüre ab.
Während er mit dem Hausherrn, der unter der Türe erschien, mit griechischer Lebendigkeit laute Worte tauschte, die wir nicht verstanden, bemerkte ich, als der fremde Reiter mit der rechten Hand den Sattel seines Pferdes rückte, daß ihm an dieser Hand neben dem kleinen Finger ein sechster lebloser Finger baumelte.
Die Sonne war eben im trüben Bergdunst untergegangen. Der schwarzbärtige, etwas verwilderte Grieche, seine Sprache, die ich nicht verstand, die düstere Abendluft, die Bergeinsamkeit, die menschenleere totstille Landschaft rund um uns, alles das brachte mich auf unheimliche Erinnerungen, auf Geschichten von griechischen Räubereien, wo man europäische Reisende in die Berge verschleppt und sie erst, nachdem man großes Lösegeld gefordert, freigelassen hatte.