Immer gingen in diesem Lande die Künstler als oberste Herren allen Lebensbetätigungen zur Seite. Dem Menschen, der in Delphi seelische Erhebung gesucht hatte und Heilung von seinen Sorgen, waren die Kunstwerke dort am Wege vom Meer zur Parnaßhöhe, so wie die Kunstwerke hier in Epidaurus, wo die Körperkranken am warmen Erdenatem Linderung der Körperschmerzen suchten, Tröster und Beglücker des Menschenherzens gewesen.
Die Festlichkeit, die jedes Künstlerherz angeboren mit auf die Welt bringt, umgab feierlich nicht bloß Athen, die Hauptstadt des Geistes, sondern auch die nationalen Wallfahrtsorte Griechenlands, Delphi, Olympia und Epidaurus.
In den Bäderanlagen in Epidaurus waren noch die Röhrenleitungen und auch die großen gemauerten Wasserbecken sichtbar und gut erhalten, in denen viele Kranke zugleich hatten baden können. Es standen da noch Steine mit Inschriften, sowie Altäre.
Aus Fürsorglichkeit für die Kranken waren da keine Treppenstufen bei den Tempeleingängen angebracht. Damit die Bahrenträger die Schwerkranken, ohne sie zu stoßen, auf ihren Betten in den Tempel bringen konnten, waren, statt der sonst üblichen vier, fünf Tempelstufen, schräg gelegte Steinplatten aus Marmor da, die sanft zur Höhe der Tempeleingänge anstiegen.
Unter einigen Bäumen nahe der Anlage befand sich noch das herrliche, besterhaltenste Theater Griechenlands, dessen Sitzreihen, kühl und vor der Sonne geschützt, hier im Bergwinkel in lauschigem grünen Hügelversteck zu beträchtlicher Höhe anstiegen.
Dieses Theater sah wie neu aus, als hätten die Zuschauer gestern erst ihre Plätze nach einer Vorstellung verlassen. Und doch weilten zweitausend Jahre hier im Halbrund bei mir, als ich dort auf den Marmorstufen saß. Diese Sitzreihen hatten viele Menschengeschlechter in der Ferne vorüberwandern fühlen, seit das letzte Wort von dem Altar gesprochen wurde, der da unten, festlich gebildet von Künstlerhand, in der Mitte der marmornen Bühne stand.
Wo ist das Gebäude, dachte ich, das Theater, in Berlin, in London, in Petersburg, in Paris, in Neuyork, das nach zweitausend Jahren noch wie neu wirken würde? Das so edel, einfach und erhaben in seiner Einteilung, in der Vereinigung von Zuschauerwelt und Darstellerwelt ist, daß es noch ein Vorbild sein kann künftigen Theatern?
Mein Reisegefährte sprach unten auf dem Steinplatz der Bühne bei dem Altar einige Sätze, und ich verstand oben auf der fernsten Sitzreihe in dem muschelförmigen Halbrund auch das schwach geflüsterte Wort.
Ich glaube, daß die Einheit des angewendeten Materials im griechischen Theaterrund — denn es ist zum Bau nur Stein verwendet worden — den Klang melodisch und ungestört zu einem einzigen Hall für das Menschenohr sammelt. Auch der einheitliche Holzbau in chinesischen und japanischen Theatern fördert den Schall, der nicht zerstückelt und zerstört klingt. Während unsere Theater, die eine Zusammensetzung aus Eisen, Holz, Stein, Kalkbewurf bilden, den Schall, der von der Bühne kommt, nicht einheitlich weiterschwingen können.
Ich glaube, daß diese Einheit des Materials wichtiger ist als alle akustischen Berechnungen. Man stelle sich vor, daß wir uns eine Ohrmuschel zusammensetzen würden aus Steinchen, Eisenteilen, Ton und Holzstückchen. Wie unmöglich würde der Klang in diesem Ohr einheitlich gefaßt werden können!