Als ein großes Ohr ist aber der muschelartige Zuschauerraum jedes griechischen Theaters gedacht, dessen Halbrundform ganz unerläßlich ist unter freiem Himmel, wo die Geräusche der Bäume, der Winde und des Naturlebens das Bühnengespräch noch besonders beim Auffangen des Schalls stören können. Unsere menschliche Ohrmuschel aber ist auch nichts anderes als ein amphitheaterartiges Halbrund aus einheitlichem Material, das vom Lebensdrama den Schall aufnimmt.

An dieses mußte ich immer denken, so oft ich in Griechenland, in Delphi, in Olympia, in Epidaurus und in Athen eines der großen alten Theater besuchte und mich die gute Schallverteilung in dem weiten steinernen Halbrund unter offenem Himmel immer wieder zum Staunen brachte und zum Vergleichen aufforderte mit heutigen europäischen Theatern. —

Wir ritten von den Bäderanlagen noch einige Stunden weiter fort in ein Fischerdorf am Meer, wo wir übernachteten. Als wir gegen Abend in den Ort kamen, hing an einigen Türpfosten an einem Nagel ein frischgeschlachtetes Lamm. In der Hauptgasse an mancher Tür stand der ländliche Hausherr bei seinem Osterlamm. Es war Karfreitag, und der Lammbraten für das Osterfest wurde überall vorbereitet, und die Familie, die Kinder und die Frauen, stand andächtig und spielend und plaudernd um den Vater, der das geschlachtete Tier abhäutete.

Unser Reiseführer, der neben den Pferden herlief, erklärte uns, daß die Landleute hier nur einmal im Jahr Fleisch zu sehen bekämen, zum Osterfest. Man kann sich leicht die Erwartung vorstellen, mit der die Augen der Familienmitglieder das geschlachtete Lamm am Türpfosten betrachteten.

In Einfachheit lebten die Menschen hier friedlich, und die unbewußte Bedürfnislosigkeit machte ihre Gebärden schlicht und frei von Begierde. Das Meer vor der Türe speiste sie täglich, ebenso der Feigenbaum und das kleine Kornfeld hinter dem Haus.

Außer einigen Holzhockern fand sich fast kein Hausrat bei den meisten Leuten. Der Herdstein am gestampften Fußboden in einer Zimmerecke gab dem Haus das natürlichste Gerät. Ruhe und Wärme kamen von diesem edlen Stein, der in schlichter Nützlichkeit nur eine Aschenhöhlung zeigte, und der seit Homers Zeiten keine andere Form angenommen hatte.

Wie in den japanischen leeren Zimmern, wo nur eine Blumenvase in einem Winkel oder ein Bild der einzige Schmuck sind und nirgends ein Gerät zu finden ist, so war es hier bei den griechischen Landleuten. Eine wohltuende Leere herrschte in den Häusern. Der Sinn der Frauen richtete sich nur auf das Notwendigste, ebenso der Sinn der Männer. Und ihr Auftreten und ihre Rede blieben in dieser Bedürfnislosigkeit würdevoll und einheitlich.

Und diese Griechen im Peloponnes gingen auch, von alter Vergangenheit geadelt, so würdevoll frei und gesittet aufrecht, köstlich harmonisch im Geist und im Herzen, viel edler als das Landvolk in Italien, das erhitzter, begierdevoller und unklarer hinlebt. Unendliche unvergängliche Hoheit sprach aus der Haltung der griechischen Landleute, die ich da am Wege und auf den Türschwellen bei einsamen Bauernhäusern antraf.

Nur einmal fand ich im Gebirge flüchtige Unbescheidenheit, das war auf dem Wege nach Kalamata. Es war in früher Morgendämmerung, nachdem wir die Mühle verlassen hatten, hoch im Gebirge, als wir auf eine Hirtengesellschaft stießen. Mehrere Hirten hausten dort mit ihren Weibern und Kindern in Zelten. Es war noch grauer Morgen vor Sonnenaufgang, als wir, nach einem mühevollen Aufstieg, auf einem öden Geröllplatz jenen Menschen begegneten. Wir hätten gern ein wenig Milch getrunken und beauftragten unseren Führer, bei den Hirten zu fragen, ob sie uns Milch verkaufen wollten.

Es war aber noch nicht gemolken worden, da die Herde noch abseits zerstreut im Gestein schlief. Unser plötzliches Erscheinen machte die Hirten starr. Daß wir vor Sonnenaufgang erschienen, das hat die dürftigen Leute so verwundert, daß sie zum mindesten glaubten, der König von Griechenland wäre mit seinem Gefolge unterwegs. Sie redeten uns mit „Fürst“ und „Prinz“ an, und sie glaubten dabei, es würde über ihre Zelte Gold regnen.