Sie forderten für eine kleine Schale Milch, die sie endlich herbeibrachten, Gold und Gold und wieder Gold. Schließlich mußten wir die Leute durch den Führer zurechtweisen und ihnen Vernunft zureden lassen. Sie meinten aber, wenn man aus Athen käme, müsse man vom König kommen, und der König sei Besitzer von goldenen Schlössern, und wohin der König gehe oder ein Königlicher, müsse er auch Gold mitbringen.
Und die Frauen der Hirten, die nur ihre Köpfe aus den Zeltfalten heraussteckten, und die Kinder, die unter dem Zeltsaum herauskrabbelten, alle begehrten Gold für den Napf Milch. Ich glaube heute, da sie eben aus dem Schlaf aufgewacht, waren sie noch nicht ganz von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit zurückgekehrt.
Denn so lange diese Einsamen lebten, ist sicher noch nie jemand vor Sonnenaufgang, wie aus der Erde gewachsen, vor ihrem Zelte erschienen, geradenwegs aus Athen kommend. Sie begnügten sich jedoch endlich mit einigen Frankenstücken, die sie gern annahmen, wobei sie immer noch das Wort „Gold“ murmelten und sich zurückgesetzt fühlten, weil von dem vom Himmel gefallenen Morgenbesuch nur Silber und kein Gold kam.
Aber dann, als wir weiter ritten, und je weiter wir uns von ihnen entfernten, desto fröhlicher dankten sie uns, und ehe wir ganz verschwanden, riefen sie uns lange Danksprüche nach. So kindlich handelten diese Leute, wenn in ihnen unerwartet Begierden erweckt wurden, denen ihr Herz nicht gewachsen war, und die eigentlich nicht ernst gemeint waren. Denn nur ihre Träume schrieen nach Gold.
Wir Fremde aber sind für diese weltfremden Hirten keine richtigen Fremden aus dem königlichen Athen gewesen, da wir nicht königliches Gold auf unsere Wege regnen ließen. Jene Hirten wollten ihre Träume erleben.
Es war nur dieses eine Mal hoch im Gebirge, daß wir dem ausgesprochenen Goldverlangen begegneten. Gewöhnlich waren die Anforderungen zufriedengestellt bei landesüblicher Preiseinhaltung.
Noch heute sehe ich gern im Geist die einfachen ländlichen Häuslichkeiten, in die wir in Griechenland am Wege kurze Einblicke bekamen.
Bei Epidaurus saß an einer Landstraße auf der Hausschwelle eine Frau, die von einer mit Hanf umwickelten Kunkel, die sie auf ihre eine Hüfte stützte, den Garnfaden drehte. Auf einer Böschung seitlich vom Hause, unter einem großen Platanenbaum, stand aufrecht eine andere Frau; sie hielt auch eine Kunkel im Arm und arbeitete wie die erste.
Und am Rande eines großen steinernen Brunnentroges, aus dem unsere Pferde getränkt wurden und in den das Wasser aus dem Felsen sickerte, saß eine dritte Frau und hielt gleichfalls eine hanfumwickelte Kunkel und arbeitete. Über den drei Frauen stand der Frühlingshimmel, und der Frühlingssonnenschein machte den Himmel hinter dem Haus und durch die Blätter des Platanenbaumes leuchten, als wäre dort ein gläsernes Fenster, das ins Weltall hinaussah.
Von dem hellen Weltraum draußen kam seligste Einfachheit, weise Lebensfreude, Lebensernst und Lebensruhe; und nicht das Licht allein, sondern diese dreifache Seligkeit beschien und bewachte die drei stillen, ihre Hanffäden drehenden Frauen.