Von den Bergwänden des Hymättos hallten Käuzchenschreie und Eulenrufe in der Abenddämmerung.
„Eulen nach Athen tragen“, fuhr es mir durch den Sinn. Ich hatte, wie das Sprichwort sagt, gehandelt. Die Eulen waren meine unruhig flatternden Pläne gewesen, die ich umsonst nach Athen getragen. Ich ließ sie jetzt für immer fortfliegen, und sie riefen mir von Cäsaria zum letztenmal nach. Aber ich kehrte ihnen den Rücken und ging im weichen Staub der Landstraße weiter.
Dabei machte ich in meiner Zufriedenheit die Wahrnehmung, daß jener alte Staub der athenischen Straßen einen wunderbar süßen Geruch hat. Wie Wohlgeruch aus alten Räucherurnen, so stieg ein Duft von der Erde hier auf. Ich fragte mich, ob sich der Staub am Boden hier noch an jene Abende erinnert, da die Griechen köstliche Rauchopfer vor den edlen Menschengestalten ihrer Heimatgötter auf den Hausaltären anbrannten. Nirgends auf der Welt fand ich wieder, daß der Erdstaub so süß, getrockneten Blumen ähnlich, duftete wie hier auf den Landstraßen um Athen.
Befreit vom Ballast unmöglicher Pläne, kam ich jetzt nach Athen reicher zurück, als ich fortgegangen war. Ich nahm mir nun vor, nur noch einige Tage die Schönheiten Athens zu sehen, und dann auf kürzestem Weg nach meiner fränkischen Heimat, nach Deutschland zurückzukehren. Dort wollte ich meine Frau erwarten, und dann würden wir endlich in der Heimat unsere Heimat finden.
Ich besuchte am nächsten Nachmittag noch Eleusis, denn dort waren alljährlich zum Osterfest alte Ostertänze auf dem Marktplatz zu sehen. Eleusis ist nach einer kurzen Bahnfahrt von Athen aus erreichbar. Die Bahn läuft am Meer entlang neben der alten heiligen Straße der Pilger.
Als wir nachmittags durch die kleine Provinzstadt wanderten, hing an verschiedenen Häusern das gebratene Osterlamm an einem Nagel am Türpfosten. Der Hausherr stand daneben mit einem Messer und schnitt Bratenstreifen ab, die er unter seiner Familie austeilte.
Aus einer Türe trat ein Hausvater freundlich lachend auch an uns Fremdlinge heran und reichte jedem von uns ein Stückchen Lammbraten zum Ostergruß. Wir mußten es aus seinen Händen annehmen und es mit den Händen zum Munde führend verzehren, wie es nach uraltem Brauch die Landbewohner in Griechenland tun, die keine Tischgeräte anwenden, ähnlich wie es bei uns einst im Mittelalter noch Sitte war.
Vor allen Türen saßen die Leute in Gruppen und aßen fröhlich das Osterfleisch. Es hatte sie alle das festliche Osterlicht auf die Straßen gelockt. Munter und unterhaltend lachten, plauderten und grüßten sich die Nachbarn vor den kleinen Häusern.
Gegen zwei Uhr versammelten sich auf der einen Seite des Marktplatzes die jungen Mädchen der Stadt, auf der anderen Marktseite die jungen Männer. Die Mädchen hatten die Haare in zwei lange Zöpfe geflochten, und die bänderdurchflochtenen Zöpfe reichten ihnen bis auf die Fersen. Viele bunte Seidenbänder waren in die Zöpfe geschlungen, und mit eingeflochtenen schwarzen Roßschweifen waren die Zöpfe auch künstlich verlängert worden.