Und als ich nun so hinging, war mir, als steckten die verschiedenen Häuser an ihren Ecken, Türen, Gesimsen, Dächern, Hauswinkeln, Dachrinnen, Fähnchen heraus, beschrieben mit bunten Sätzen, alten Gesprächsresten, alten Gedankensätzen und alten Vorsätzen.
Pflichten und Erinnerungen standen dort bunt, mal rot, mal gelb, mal blau hingeschrieben auf die beweglichen Wimpeln, die da, nur für mein inneres Auge sichtbar, die ganze alte Stadt reich und lustig schmückten. Da war Kindertorheit und Jünglingsernst, Jünglingstorheit und Mannesernst, Mannestorheit und der Ernst lieber Toten für mich durch alle Gassen verbreitet.
Grundzufrieden war ich dann, wenn ich hinaus vor die Stadt zum Berg zurückkehrte und in der Ferne am Hügelabhang den Giebel des Hauses sah, unter dem meine Frau und ich jetzt lebten. Die Sonne, die wir dort oben auf- und untergehen sahen, kam nicht mehr aus dem Unbekannten, denn auch die Landschaft hier war mein Besitz, sowie es die Gassen der Stadt und die Häuser waren.
Wo überm Maintal, auf fernen Äckern, morgens die Sonne in der Frühdämmerung hergewandert kam, da war ich oft mit meinen Füßen selbst gewandert, und ich kannte die Ortschaften und die Waldstrecken und die Namen der Orte und der Berge so gut wie die Namen meiner Familienangehörigen. Die Sonne kam also nicht aus dem Grenzlosen, Atemlosen, Namenlosen jeden Morgen zu mir.
Ich kannte auch ihren Tagesweg. So weit mein Auge nach Süden und Westen sehen konnte, kannte ich von mittags und bis zum Abend, und bis zu ihrer Untergangsstunde, die Landwege, die Waldwege, die das Himmelsfeuer durchwanderte, so genau wie die Sonne selbst. Und ich wußte, was ihr Licht rundum tagsüber zu arbeiten hatte. Ich kannte die großen Kornstrecken, die verschiedenen Weinlagen, die Obstpflanzungen und die Baumschulen, wo die Sonne überall tüchtig zu tun bekam, um Frucht reifen zu lassen.
Und die arbeitende Stadt im Tal, wo gefahren und gebaut, geboren, geliebt und gestorben wurde, kannte ich innen und außen und wußte, wie die Sonne dort die verschiedenen Straßen zu den verschiedenen Tagesstunden beleuchtete und erwärmte oder mit kühlen Schatten bedeckte.
Ich sah auch über den Bergen dem Mainfluß nach, der, in Windungen fließend, die Sonne auf seinem Wasserrücken spiegelnd, weit bis nach Norden strahlte. Und ich saß stundenlang auf dem Gutshof an der Terrassenecke bei der Fahnenstange, wo ich vor vielen Jahren mit meinem Freunde gestanden, und wo wir wunderlustig gewesen, und freute mich jetzt, heimgekommen zu sein aus der Unendlichkeit. Denn ich hatte damals nicht die Liebe gekannt, nur Lebenspläne und noch keinen Lebensbau. Und hier an dieser Terrassenecke, wo ich damals meinen Freund zum Wunderwirken an jenem Augustnachmittag erwartet hatte, wurde mir jetzt klar, daß ich auch körperlich und nicht bloß geistig in meine festliche Weltanschauung hineingewachsen war.
Jeder Morgen, der über der Stadt im Tal aufging, der den Tau auf den Kleefeldern vor dieser Terrasse bläulich aufblitzen ließ, redete nicht mehr vom Gedanklichen des Lebens, nicht mehr von Hoffnungen und Plänen, sondern von der innerlichsten Innigkeit jedes Tages.
Wenn die Giebelfenster des Gutshauses in den Morgenstunden blitzten, wenn die Fliederbäume, die altgekrümmten, an der Terrassenmauer blühten oder abblühten; wenn das Finkenpärchen, das in der großen Kastanie nistete, sein Nest bauend, ab- und zuflog, wenn die Pfauenhenne oben am Berg, unter einem Busch versteckt, wochenlang brütete und der Pfau einsam auf der Terrassenmauer stolzierte und schrie, da er Regen erwartete; wenn Türen im Hause zuschlugen, Ketten der Pferde und der Kühe in den Ställen rasselten; wenn nur ein Strohhalm der vom Einfahren, der letzten Ernte vom Vorjahr draußen am Weg an den wilden Rosenbüschen hängen geblieben war, dem Vorübergehenden zuwinkte, — dann war alles das nicht ein zwischen Himmel und Erde geborener vorüberflatternder flüchtiger Augenblick.