Sondern: das Licht und die Schatten, die Geräusche und die Ruhe, die Tagesfarben und die Dunkelheit der Nacht, die Gerüche, die Kälte und die Wärme kamen mir wie Rhythmen der Zufriedenheit meines Herzens vor und kamen mir künstlerisch zum Bewußtsein. Jeder Augenblick brachte die Anfänge von Gedichten, Liedern und Geschichten mit.
Und wenn ich mir nur ein wenig Zeit nahm und in mich hineinhorchte, dann konnte ich ein neues Liebeslied singen und konnte es ihr, der geliebten Frau, bringen, die, ohne daß sie mit den Lippen oder mit den Augen danach fragte, mit dem Herzen darauf wartete.
Ein wenig am Berg hinauf, vom Haus fort, steht ein großer stattlicher Nußbaum. Unter diesem Baum saß ich jetzt oft in den Vormittagstunden und schrieb mir manches Lied auf, und dann kam meine Frau vom Hause her mit einem Körbchen und brachte mir, wie eine Maurerfrau ihrem Maurer, Frühstück auf meinen Arbeitsplatz und setzte sich zu mir unter den Schatten des Nußbaums. Dann aber glaubte ich erst recht nicht mehr, daß irgendein Mensch das Leben anders als festlich ansehen konnte.
In jenen Jahren, die ich im Sommer auf jenem Gut und im Winter in meiner Landeshauptstadt, in München, mit meiner Frau verbrachte, schrieb ich zwei Liedersammlungen, die ich dann als mein erstes reifes Gedichtbuch unter den Titeln „Die ewige Hochzeit“ und „Der brennende Kalender“ erscheinen ließ. Mit diesem Buch beginnt die Dichtungsarbeit meiner Mannesjahre. Die vorbereitende Zeit der suchenden Jahre war für meine Dichtung beendet, als man das neue Jahrhundert schrieb.
Wenn ich auch noch manche Reise im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts und die Weltreise im Jahr 1905–1906 rund um die Erde machte, so ist doch nie mehr in mir der Gedanke oder der Wunsch aufgestiegen, mich irgendwo für immer in der Fremde fest niederzulassen. Alle weiteren Reisen unternahm ich aus dem Bedürfnis, Länder und Völker zu sehen. Aber die Heimat stand mir bei allen Reisen immer wieder als Endziel vor Augen.
Und die Heimat gab mir die Verinnerlichung und die rechte Lebensandacht. Nur auf den Wegen, auf denen man in der Jugend gewandert, kann man im Mannesalter aus dem Chaos der Eindrücke das Hauptsächliche vom Nebensächlichen trennen, das Wichtige vom Unwichtigen und die künstlerische Linie eines jeden in der Fremde erlebten Eindruckes finden. Die Heimat mit ihrer ernsten und von den besten jugendlichen Vorsätzen durchwärmten Sonnenluft verbrennt die unnützen Stoffe, deren Wichtigkeit und Unwichtigkeit man in der Fremde nur schwer unterscheiden kann.
Man baut auf dem Jugendboden, auf dem man geboren, auf dem man aus dem Unergründlichen, aus dem Unendlichen zur Endlichkeit, sich einst selbst geschaffen hat, am fruchtbringendsten und sichersten das weitere Leben auf, nachdem man sich aus der Fremde genügend Weisheit geholt hat.
Ich erinnere mich noch eines Morgens, da ich mit meiner Frau in dem Atelier in der Rue Boissonade, eben jung verheiratet, in Paris wohnte, als zum erstenmal die Heimatsehnsucht in mir ausbrach. Es war an jenem Hochsommermorgen, an dem ich, früh aufgestanden, allein durch mein stilles Stadtviertel zum Park Montsouris ging, zu jenem Park, in dem ich die beiden vornehmen Japanerinnen eines Morgens antraf.
Auf dem Hinweg beim Bronzedenkmal des mächtigen Löwen von Belfort war an einer Straßenecke in der frühen Morgenstunde ein Geflügelmarkt. In Holzkäfigen eingepfercht, steckten die Hähne und die Hennen ihre roten Kämme zwischen den Gitterstäbchen durch, und einige Hähne krähten im Sonnenschein.