Beim Anblick und bei dem Geruch der Hühner und beim gewaltigen und doch melodischen Krähen der Hähne tauchten die würzburger Heimatberge vor mir auf.

Und es war mir, als müßte um die Straßenecke der Weg nicht zum Park Montsouris, sondern zu jenem Gutshof führen, wo ich in meiner Kindheit mit meiner Mutter zusammen die ersten Hahnenschreie gehört hatte, wo ich zum erstenmal Korn und Klee hatte wachsen sehen, wo meine Mutter dann gestorben war und mir die Mutter Erde als ihre Stellvertreterin hinterlassen hatte.

Dort in der Ferne bei den Hecken, dort bei Steinbruch und Hügeln, am Kleeacker und am Kornfeld, wo ich als mutterloses Kind gewandert war, fehlte mir meine gestorbene Mutter nie.

Die warme Güte der Äcker, die immer am selben Fleck stillstehenden alten Bäume, die nur ihren Schatten ein wenig wandern ließen, weiche taumelnde Schmetterlinge und summend arbeitende Bienen, gütig duftende Kräutlein, reifende kleine Erdbeeren und reifende Brombeeren, die Lerchen im blauen Himmel, die Finken und Ammern im Gebüsch, die Schnecken am Weg und die weißen Sommerwolken über den Baumkronen am Himmel, die Ameisen, die über meine Stiefelspitzen liefen, die knallende Peitsche des pflügenden Bauers, die wiehernden Pferde im Acker — sie alle waren mir Liebkosungen der Mutter Erde. Sie waren meinem Lebenssinn erquickend und festlich. Im Sonnenschein, im Regen, im Wind, im Gewitter, in allen Stunden und in allen Wandlungen aller Jahreszeiten, war es mir auf dem Heimatberg, als hätte ich in allen Natureindrücken Hunderte von Müttern gefunden, die lieb und zutraulich mit mir plauderten, mit mir spielten, mich belehrten, mir die Zeit vertrieben und mir Lebenslust gaben.

Und bei jenem Hahnenschrei, dem ich in Paris an jenem Morgen bei den hohen Weltstadthäusern nachhorchte, riefen jetzt alle diese hundert Mütter vom Heimatberg aus der Ferne her. Deutlich wie die Sonne in jenem Augenblick über Paris und Würzburg zugleich leuchtete, so deutlich sah ich durch jenen Hahnenschrei von Paris nach Würzburg, von meinen Mannesjahren zu meinen Jugendjahren zurück.

Und ein tiefes Heimweh wurde mir zum erstenmal bewußt. Dieses Heimweh war schon lange irgendwo in meinem Dasein wie eine offene blutende Wunde gewesen. Es war mir, als hätte ich plötzlich Blut an meinen Fingern entdeckt, und wußte jetzt erst, daß ich verwundet war. Und ich erschrak. Seit jenem Hahnenschrei habe ich die Wunde des Heimwehs nie mehr aus den Augen gelassen.

Noch einmal später, auf der Rückreise von Mexiko, als wir bei einem vierwöchigen Orkan die ungeheuren einsamen Wasser des atlantischen Ozeans kreuzten, riefen mir, wenn der Sturm sich mittags für einige Stunden etwas legte, um am Abend mit doppelter Wildheit einzusetzen, einige Hähne, die bei der Schiffsküche in Käfigen als lebender Mundvorrat eingesperrt waren, mit heiligem Krähen die Heimathügel der Vaterstadt über die Wasserberge her.

Und es war mir, als läge mitten im Urweltgebrause des Ozeans irgendwo ganz nah das freundliche sonnenbeleuchtete Maintal mit den Türmen der Vaterstadt und mit den Weinbergen. Ich glaubte bei den Hahnenschreien, das Schiff könne mitten im Sturm jeden Augenblick friedlich zu Hause landen.

Ich vergaß immer wieder die ungeheuren Meilenstrecken, die zwischen mir und Europa lagen, und ich und die Heimat waren einander so nah, wie es mir meine Hand vor meinen Augen war, sobald mitten im Sturmtag jene Schiffshähne krähten.

Süße Zuversicht erfüllt den, für den es kein anderes Weltall gibt als das Herz. Im Herzen gibt es nicht Raum und nicht Zeit, sondern nur herznahes Gefühl. Über Raum und Zeit fort zeigt dir dein Herz deinen ewigen Besitz.