Wenn zwei Liebende sich befriedigen, werden ihre Sinne überall allgegenwärtig im Weltall. Auch wenn die beiden ihr Haus nicht verlassen, auch wenn sie an dem kleinsten Erdfleck Seite an Seite leben. Sie sind überall allgegenwärtig und allklug, weil sie Besitzer der Urkraft des Lebens sind, der Liebeskraft, aus welcher das Weltall entsprungen und aus welcher alle Leben immer wieder entspringen.


Seit ich diese süße Weisheit erfahren, wendete sich mein Sinn in der Dichtung dem Besingen und Preisen dieses edelsten und schöpferischsten Gefühles aller Gefühle zu.

Die mir liebsten Gedichte, die ich von anderen Dichtern lese, sind die Gedichte, die das erhöhte Gefühl, das Liebesgefühl, mit seinen tausend und abertausend Stimmungen, gesteigert aus Sehnsucht, Zweifel und Erfüllung verkünden und die zugleich die Natur besingen.

Als ich von Griechenland zurückgekehrt war, kam mir eine kleine neue Ausgabe der Geschichten von „Tausendundeine Nacht“ in die Hände. Ich hatte einige der Geschichten früher schon in Sammelbänden gelesen, aber niemals gewußt, daß in diese Geschichten die schönsten Liebeslieder eingestreut sind. Denn man hatte in den früheren Ausgaben jene kurzen Lieder nicht mitgedruckt.

Diese kleinen arabischen Lieder aus „Tausendundeine Nacht“ wurden dann meine Lehrer. Ich mußte sie lesen und immer wieder lesen und sie ihr, die ich liebe, immer wieder vorlesen. Und dann wurden die Verse noch schöner, wenn ich sie von Herz zu Herz hinsagte. Dann waren sie nicht bloß geistvoll, rhythmisch und innig. Dann waren sie wie von ihr und mir geboren. Dann hatten sie ihre und meine Augen und hatten Menschenhände und Menschenstimme und waren nicht mehr kleine gedruckte Gedichte, sondern wurden lebende Wesen.

Wie die Amsel, die auf die Fensterbank geflogen kommt, die vorher irgendwo unsichtbar gesungen hatte, und die von der Fensterbank sich einsingt in die Menschenbrust, wo ihr Lied wohnen bleibt, so zahm wurden die kleinen Gedichte, und so wunderbar verschwanden sie in uns und sangen dort fort und fort.

Aus den kleinen Reclambänden von „Tausendundeine Nacht“, in welchen ich diese schönsten, nur den Liebenden verständlichen Lieder, die mit der Liebe leiden und jubeln können, gefunden hatte, schnitt ich alle diese Gedichte heraus und klebte sie in ein dauerhaftes, in Leder gebundenes Buch.

Und diese Gedichte, deren Dichter tot und verschollen sind, deren Namen ich nicht kenne, deren Lebenszeiten ich nicht kenne, waren meine Lieblingsgedichte in jenen Jahren. Jene toten Dichter und die von ihnen geliebten Frauen gingen als gute Freunde bei uns umher, und ich versuchte ihnen nachzutun und zu dichten in ihrem Sinn kurz und eindringlich. —