In Japan gilt ein gutes Gedicht als höchste nationale Leistung in Friedenszeiten. Von Japan, wo der Kaiser und die Kaiserin jährlich mit dem Volk sich um einen Preis in der Dichtung bewerben, von Japan, das unsere Maschinenkunst und unsere Kriegskunst angenommen hat, können wir Europäer diese Friedenskunst erlernen.
Kunstwerke bedeuten dort Heldentaten in Friedenszeiten. Mit möglichst wenig Worten in der Dichtung eindringlich viel sagen, mit möglichst wenig Linien und Farben viel in der Malerei ausdrücken, mit wenig Tönen in der Musik Unendliches geben — dieses hätten wir in der nächsten Zukunft von den Künstlern des Ostens zu lernen.
Auch die Art, wie Kunstwerke zu genießen sind, und daß sie nur in einer Art genossen werden können, dies wollen wir von jenen lernen, die seit Hunderten von Jahren die Künste inniger pflegten als wir.
Ein Gedicht des Kaisers wird in Japan fünfmal vorgelesen, ein Gedicht der Kaiserin dreimal, ein Gedicht eines Bürgerlichen zweimal.
Wenn ich dieses berichte, so bin ich nicht der Meinung, daß gerade diese Unterschiede nachahmenswert sind. Sondern ich will nur darauf hinweisen, daß ein Gedicht nicht vom einmaligen Vorlesen, wie es bei unseren öffentlichen Vorlesungen geschieht, verstanden oder voll aufgenommen werden kann. Wie man den edlen Wein langsam auf der Zunge kosten muß, um seine Blume festzustellen, so ist es mit einem edlen Gedicht, es will langsam und nachdenklich aufgenommen sein. Und zum langsamen Kunstgenießen muß das europäische Publikum erst erzogen werden.
Zweimal und mehr muß jedes gute Gedicht gelesen werden, ehe sein Sinn und seine Schönheit im Herzen des Zuhörers keimen können. Ein gutes Gedicht kann immer wieder anders und neu, innerlich und äußerlich, im Gefühlssinn und im Wortlaut, genossen werden. Ein Gedicht ist unerschöpflich, unergründlich wie das Himmelsblau, wie das Meerblau, wie ein Menschenauge, wie ein Sternhimmel. Bei allen diesen Leben können wir von unendlichen Lebenswerten träumen, so auch bei dem Gedicht und bei jedem Kunstwerk, wenn wir es langsam und öfters auf uns wirken lassen. —
Ich erinnere, daß man mir einmal, als ich Kind war, kleine Holzformen geschenkt hatte, die, in feuchtem Sand gepreßt, hübsche Sandkuchen gaben. Diese Sandkuchen bereitete ich auf einem Brett und freute mich ihrer Figuren. Aber wie erstaunt war ich, daß die Figuren, sobald die Sonne das Brett beschien, in kleine Sandhäufchen zerfielen.
Ich fand diesen Zerfall unerhört, und er grämte mich jedesmal bitterlich. Wenn die Figuren noch so schön scharf geschnitten in Schneckenform und Sternform vor mir lagen, nach ein paar Stunden waren sie in formlose Sandhäufchen zerkrümelt.
Ich sann damals vergebens darüber nach, wie ich die Form im Sand festhalten könnte. Meine Lust und meine Kraft waren gründlich beleidigt von der unüberwindlichen Vergänglichkeit, die mir da beim Spiel entgegenarbeitete, ohne daß ich sie hindern konnte.
Und ich grübelte nach und meinte, es müßte da doch etwas geben, was nie zerfallen dürfte, etwas, das ewig seine Form behalten müßte. Und ich sagte mir, daß ich, wenn ich groß sein würde, keine Arbeit tun möchte, die zerfallen könnte. Ich wollte mich nicht von der Vergänglichkeit kränken lassen. Wenn meine Arbeit, die ich mit aller Lust getan, spurlos verschwinden sollte, so würde mir das Leben keinen Spaß machen.