Derart grübelte ich als Kind betrübt vor den kleinen Sandhäufchen, aber ich wußte nicht, was ich tun müßte und was von allem auf Erden immer unzerstört fortdauern könnte.

Als ich erwachsen war, fand ich, daß von allem das Liebesgefühl das Unvergänglichste und Ursprünglichste ist und bleibt. Das Weltall verjüngt sich immer wieder durch Liebe. Liebe ist die Schöpferkraft des Alls. Wenn du von Liebe singst, können die Menschen der kommenden Zeiten dein Lied miterleben, und das Lied wird nicht veralten, sobald du es vom tiefsten Gefühl durchdrungen dichtetest.

So wie du ein vielhundertjähriges kleines Liebeslied von Walter von der Vogelweide, das Lied „Tantaradei“, heute noch beim Lesen erlebst, als dichtete es nicht ein Toter, sondern dein Herz, so werden alle Lieder, die das tiefe Liebesgefühl besingen, warm bleiben wie ein lebender Körper, auch wenn das Herz, das das Lied gesungen, längst ein Häufchen zerkrümelter Staub ist.


Solche Erkenntnisse waren in anderen Zeiten unnötig, weil sie Selbstverständlichkeiten gewesen sind. Die Menschen anderer Jahrhunderte haben sich nie über die Liebeskraft Gedanken machen müssen und nie der Liebe Schöpferkraft betonen müssen.

Aber dieses war anders im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, wo man achselzuckend von Liebesdichtern, Liebesliedern und von jeder selbstverständlichen Liebesinnigkeit sprach. Die Menschen damals und viele auch heute noch meinten, das Liebesgefühl wäre dichterisch so gründlich ausgebeutet worden, daß man nicht mehr darüber dichten, nichts mehr darüber sagen könne.

Denn viele schlechte seichte Romane und weichliche, aber nicht leidenschaftsstarke Liebeslieder waren in der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts so reichlich verbreitet worden, daß man derartige Bücher und Gedichte gut genug für schwache Frauen fand, aber nicht ausreichend zur Erquickung für den Mann.

Der Wert jener schwächlichen Liebesliteratur war aber im letzten Grunde für Männer wie für Frauen, welche vom Gedicht echte Empfindung und keine Empfindsamkeit erwarteten, gleich Null. Und so verbreitete sich die irrtümliche Ansicht, daß die Liebesdichtung sich ausgelebt habe.

Und man meinte, daß die Liebesdichter nur Sonne — Wonne und Herz — Schmerz reimen könnten. Diese Ansicht wäre wohl zutreffend gewesen, wenn die Dichter schwache, idealistisch empfindsame Naturen geblieben wären, deren es so viele vor dem Umwerten aller Werte gab, ehe in den achtziger Jahren künstlerische Selbstzucht einsetzte, die sowohl die Musiker und die Maler, wie die Dichter packte und allen europäischen Ländern neues Kunstleben gab. In Deutschland waren es Liliencron, Dehmel, Stefan George, Wedekind, die die Liebe in neuer Weise verkündeten, teils in gesteigerter Leidenschaft, teils in überraschenderer Ausdrucksweise, mit treffenderem und gewagterem neuen Bilderreichtum und mit neuen Vergleichen.

Aber erst dem neuen Jahrhundert blieb es vorbehalten, die neue Liebesnote dieser Dichter und ihre künstlerische Schönheit anzuerkennen. In den zehn Jahren von 1890–1900, in welche Zeitspanne meine Wanderjahre fallen, und über die ich hier meine Gedanken niederlegte, kämpften jene Dichtergeister noch um ihren Lorbeer. Die Kritik und die Volksmeinung schlug damals mit Disteln nach denen, die das Liebesfeuer in der Dichtung nicht untergehen lassen wollten, und die die Verkünder der herzlichen Leidenschaft blieben.