Spätere Jahrzehnte werden sich kaum vorstellen können, welches Kämpfen um die selbstverständlichsten Gefühle die Dichter und alle Künstler der neunziger Jahre durchmachen mußten.
Denn unter den Bürgern herrschte damals eine allgemeine Abkehr in der Kunst von den Liebesempfindungen fort. Man wollte nur Tagesfragen bedichtet wissen, Soziales, Politisches, Philosophisches. Und dasselbe forderte man von Roman und Drama, in denen es sich immer um Entwicklung von Problemen und nicht um das Aufeinanderprallen von leidenschaftlichen Gefühlen handeln sollte.
Jetzt neigt die Zeit wieder dem Gedichtelesen zu und dem Leidenschaftlichen in der Dichtung. Die verschiedenen neuen Dichter haben ihre verschiedenen neuen Formen gefunden, und das bedichtete Liebesgefühl darf wieder seinen selbstverständlichen ersten Platz einnehmen, und der bedichtete Gedanke erhält den zweiten Platz, wie es zu allen Zeiten früher selbstverständlich war.
Wäre die Welt immer in harmonischem Gleichgewicht erlebt worden, hätte man nicht Götterlehren über Götterlehren seit Tausenden von Jahren gegründet und eingerissen, dann würde das Menschengeschlecht in festlicher Selbstverständlichkeit das Dasein erleben und immer wieder erlebt haben. Aber Götterfurcht und Menschenfurcht haben das, dem Menschen ebenso wie allen Leben, angeborene Weltfestlichkeitsgefühl getrübt.
Die Menschen haben ergründen wollen, anbeten wollen, hinein geheimnissen wollen, da wo nichts anderes herrscht als das geheimnislose, freie und in sich selbst andächtige Weltalleben, bei dessen Festlichkeit wir alle zusammen Anbeter und Angebetete, Schöpfer und Geschöpf zugleich sind. So wie im Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau jeder Anbeter und Angebeteter zugleich ist.
Alle Leben, die ihr um euch seht, die Leben der großen Sterne und der kleinsten Atome, sie schreiben ihre Lebenszeile. Und die Weltallrune, an der alle Leben schreiben, an der wir alle leidenschaftlich mitschreiben, sie zu entziffern, braucht es keiner Wissenschaft — nur Liebesgefühl.
Wer das Liebesgefühl erkannt hat, wer sich als Mann mit seiner Frau als Angebeteter und Anbeter zugleich fühlt, dem offenbart sich die Weltallgeheimschrift in ihrer unendlichen Klarheit, ohne Wissen und ohne Denken, im einfachen herzlichen Festlichkeitsgefühl.
Und die Frau wie der Mann sind in diesem Gefühl gleichwertig klug, gleichwertig weise, und sie gewinnen in der Liebeserkenntnis alles Wissen aller Unendlichkeiten ohne Grübeln.
Die Furcht vor Göttern und die Furcht vor Menschen wird auf der Welt für alle Zeiten überwunden sein, sobald die Menschheit wieder die Weisheit der Weltallfestlichkeit annimmt, die den Völkern im Urzustand bereits Eigentum war. Bei selbstverständlichem Welternst und selbstverständlicher Weltfestlichkeit wird die im Liebesgefühl selbstbewußt gewordene Menschheit nie mehr verarmen.