Ich will in einigen Sätzen noch einen Überblick geben zum Verständnis jener Weltanschauung, die ich für die kommende halte:
Die Anschauung von der Weltfestlichkeit befiehlt dir nichts. Sie läßt dich als freigeborener Mensch, nur der eigenen Verantwortung unterworfen, frei handeln, nachdem sie dir festgestellt hat, wer du bist, und gesagt hat: du bist der Besitz aller, und du selbst besitzt alles.
Daraus ziehe dann jeder ernste Mensch selbst die Schlüsse für seine Verpflichtungen und seine Ansprüche an die Lebensfestlichkeit.
Die lebensfestliche Weltanschauung sagt dir: dein Lebensheil liegt in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Dein Heil erwartet dich nicht erst nach dem Tode. Denn du warst, du bist und du wirst ewiger Mitgenießer, Miterleber und Mitschöpfer des Weltalls sein. Du trägst die Ewigkeit in dir. Du bist kein schwaches Geschöpf. Du bist Schöpfer und Geschöpf immer zugleich gewesen und wirst es bleiben in Unendlichkeit.
Du brauchst nicht auf deine Erlösung zu warten. Du hast dich mit allen Leben zugleich selbst geschaffen, und du erlöst dich von Leben zu Leben selbst, von tätigem Fest zu tätigem Fest.
Dein Wesen ist Schöpferkraft; Ewigkeit ist dein Weg; und Seligkeit ist dein Urzustand.
Du nimmst Strafe und Lob von dir selbst und von allen, die mit dir leben, in Empfang. Aber deine Strafe und dein Lob, beide sind nicht ewig, so wie es deine Gestalt nicht ist, in der du Strafe und Lob erlebst.
Du verwandelst dich von Leben zu Leben, denn du willst immer schaffen, und dieses ist deine Lust und deine Seligkeit.
Sind jemals unter früheren Weltanschauungen Verbrechen, Schlechtigkeiten, Kriege und Kämpfe abgeschafft worden? Nein. — Und so wird auch diese Weltanschauung nicht die notwendigen Verwandlungen, nicht den Lebenswechsel, abschaffen können oder abschaffen wollen. Begierden, gute und böse, werden mit jedem neuen Menschen, mit jedem neuen Tier, mit jedem neuen Lebewesen neu geboren.
Das Wasser, das vom Himmel regnet, verdampft wieder in den Himmel zurück. Es stirbt mit jedem Lebewesen aus dem Leben ein Herd von Begierden. Aber mit jedem Neugeborenen kommt ein neuer Begierdeherd ins Leben.
Das Leben wird nicht besser und nicht schlechter, denn es war seit Ewigkeit festlich in seinem Wechsel von Licht und Schatten, in seinem Wechsel von Schuld und Unschuld eine Festlichkeit.
Aber, wenn ihr Menschen die Verantwortlichkeit des Lebens in Zukunft auf euch selbst nehmt, wenn ihr wißt, daß ihr euch schafft, daß ihr eure Leiden wollt wie eure Freuden; daß es nichts Besseres für euch gibt als das, was ihr schon besitzt, — diese Erkenntnis von der Weltfestlichkeit wird euch das Leben aufmerksamer, inniger, teilnehmender aber auch sanfter, ruhiger und verzichtender im Wandel von Leben zu Leben genießen machen. Diese Erkenntnis wird euch aufrichten. Denn ihr wißt nun, ihr seid im tiefsten Grund allwissend und allgegenwärtig. Ihr seid der Herr eures Glückes und eures Unglücks. Ihr seid Schöpfer und Geschöpf der Weltschöpfung. Und alle, die ihr um euch seht und hört und fühlt, sind es mit euch.
Welch eine Feststimmung bringt euch dieses Bewußtsein, daß ihr Herr und Genosse der Ewigkeit und aller Leben seid!
Keine tote Welt, keine toten Dinge, keine Einsamkeiten bedrücken euch mehr. Ihr wißt, euer Leben liegt von euch gewünscht, erschaffen und erhalten auf dem Weg der Tätigkeit, der Liebe und der Weisheit, von Leben zu Leben, ewig vor euch.
Wenn ihr nun in euren Zimmern und auf allen Wegen, wo ihr unterm Himmel weilt, wißt, daß ihr sogar mit allen Gegenständen Gedanken, Eingebungen und Erhebungen, unbewußt und bewußt, austauschen könnt und zugleich wißt, ihr seid von allen Leben, auch von den sogenannten toten Dingen, verstanden und gefühlt, und es wird euch von ihnen geantwortet, — so werdet ihr mehr von euch sehen als je, mehr fühlen und mehr erleben als je, und ihr werdet der Welt mehr Augen, mehr Hände, mehr Ohren und mehr Herzen geben, und auch der sogenannten toten Welt um euch, der ihr früher aus Unverständnis das Leben abgesprochen habt. Und dieses bewußte oder unbewußte Verstehen- und Sprechenlernen mit allen Dingen bedeutet sowohl eine nützliche als eine künstlerische Bereicherung eures Daseins. Unerschöpfliche Lebenseindrücke und Lebenserregungen sind euch damit erschlossen, wenn ihr euch als den Besitz aller fühlt und zugleich wißt, daß ihr alles besitzt.